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„fonction publique“ - Themenreihe: Neid

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Nazar – der böse Blick

Im Mittelmeerraum und im Nahen Osten fühlt der aufmerksame Reisende sich zuweilen beobachtet: Im Taxi kann ihn ein Blick im Rückspiegel treffen, hinter Schaufenstern lugen Hunderte von Augen hervor, an Haustüren trotzt der fremde und befremdende Blick dem seinen. Bereits an dieser Stelle drängt sich eine kurze Erklärung auf: Weder wird der Reisende vom Verfolgungswahn gepackt, noch leiden die Einheimischen unter akuter Neugier oder neurotischem Kontrollzwang. Was uns in diesen Regionen auf Schritt und Tritt begegnet, sind Amulette mit einem blauen Auge, die Hand der Fatima, blaue Perlen und andere, mit einem Auge verzierte Ornate, die – so ein weitverbreiteter Aberglaube – böse Geister abwehren, den Menschen vor dem bösen Blick, dem Nazar in der Türkei, dem malocchio in Italien, dem kako mati in Griechenland, schützen sollen. Bereits im archaischen Griechenland führte eine zu geringe Verehrung zum Neid der Götter, die die respektlosen Menschen mit dem bösen Blick bestraften, der Rache forderte und Zerstörung ausübte. Die olympische Ebene der „zwischengöttlichen“ Beziehungen (Hera ist neidisch, weil Aphrodite mehr gehuldigt wird) weicht im Volksglauben zusehends der irdischen Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen, und bereits Plutarch berichtet in seinen quaestiones convivales von Blicken, deren Einfluss schädlich, wenn nicht tödlich sei: „La jalousie remplit, en outre, le corps d’une disposition mauvaise, que les peintres cherchent ingénieusement à reproduire quand ils font le portrait de l’Envie. Lors donc que des gens dévorés par cette dernière passion fixent leurs yeux, qui, placés si près de l’âme, en attirent à eux la méchanceté, ces regards tombent comme des traits empoisonnés. Dès lors il n’y a, ce me semble, rien d’étrange et d’incroyable à ce qu’ils agissent sur ceux qui les reçoivent.“ In diesem Gespräch erkennt Plutarch den Neid als Ursprung allen Übels, als Auslöser einer Untugend, die sowohl den Täter als auch das Opfer z. T. leiden lässt: Dieses wird von vergifteten Pfeilen getroffen, jener wird von seiner „Leidenschaft“ zerfleischt. Auch Plutarch zieht das Amulett als Schutz vor jenem bösen Blick in Betracht: „Voilà pourquoi les espèces de préservatifs qu’on appelle amulettes, passent pour être utiles contre la fascination et l’envie. Leur bizarrerie détourne le regard malveillant: de sorte qu’il se fixe avec moins d’opiniâtreté sur sa victime.“ (ebd.)

Auch heutzutage sind noch viele Menschen fest davon überzeugt, dass der böse Blick von anderen Menschen oder Geistern aus Neid, Eifersucht und Missgunst gegen alles Schöne, Angenehme, Außerordentliche ausgesandt wird. Beispielsweise werden in der Türkei Neuerwerbungen und Neugeschaffenes mit der Beschwörungsformel „Insallah nazar degmesin“ (Möge, so Allah will, der böse Blick es nicht berühren!) vor bösen Blicken geschützt; Selbstgeschaffenes wie z. B. Teppiche werden bewusst mit kleinen Mängeln versehen, damit Perfektion keinen Neid erwecke. (vgl. Fanafillah, Amulette und Blaue Augen) Fest steht, dass das Bedürfnis nach Schutz vor Missgunst und Neid in fast allen Kulturen und Zeiten (vgl. auch das mau olhado in Brasilien, Pentagramme und Kruzifixe) vorzufinden ist, und zwar weil die Ursache dieser Untugenden nicht klar definierbar ist und sich je nach dem sozialen und historischen Kontext wandelt: Der Ursprung des Neides liegt im Auge des Betrachters, d.h., was letzten Endes Neid bei diesem oder jenem erzeugt, kann keineswegs eindeutig bestimmt werden. Die zahlreichen und originellen „Schutzmaßnahmen“ vor diesem Laster heben aber die für das Opfer und den Täter z. T. verheerenden Konsequenzen des Neides hervor: Dieser vergällt einem das Leben, zerstört zwischenmenschliche Beziehungen und kann letztlich in Gewalt und reale Vernichtung ausarten. Haben sich zunächst die Götter des Olymp einem harten Konkurrenzkampf ausgeliefert, so erkennt bereits Thomas Hobbes den Neid als menschliche Grundverhaltensweise (vgl. Leviathan), und für Jean-Jacques Rousseau (vgl. Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes) ist dieser historisch bedingt: Der Eintritt des Menschen in die Historie bzw. seine Jagd aus dem Paradies bedeuten den Eintritt in die Gesellschaft, in die Interaktion, in zwischenmenschliche Beziehungen, die ebenfalls Besitz und Besitzansprüche sowie Macht- und Konkurrenzkampf erzeugen. (vgl. auch Karl-Heinz Nusser, Vom Neid der Götter zum globalen Neid) Der „soziale“, d.h. sich in einer Gesellschaft, in einem Kollektiv befindende Mensch erhebt Anspruch auf einen gewissen Besitz und einen gewissen Status; bleiben ihm diese verwehrt, während andere sie genießen dürfen, wird er neidisch.

Neid als gesellschaftliches Phänomen

Neid kann zunächst auf die kleinste Einheit menschlichen Zusammenseins, die Zweisamkeit als Urzelle desselben, reduziert werden. Er ist relational, komparativ (jemand ist schöner, reicher usw.) und entsteht durch den Vergleich zwischen wenigstens zwei oder mehreren Phänomenen. Die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Außenwelt vollzieht sich durch Komparation, so dass vor allem eine Identifizierung mit dem Anderen stattfindet: Die Identitätssuche vollzieht sich durch den Blick nach außen, wobei der Andere oder die Anderen als Orientierungspunkt, als Messlatte innerhalb einer Gruppe fungieren. Insofern ist Neid „sozial“ bedingt. Sowohl das Selbstbildnis als auch der Selbstwert werden mithilfe der Erwartungen und Forderungen der Gesellschaft konzipiert, die die Standortbestimmung des Einzelnen beeinflussen: Der Einzelne möchte eine bestimmte Stellung innerhalb des Kollektivs erreichen, tritt somit zwangsläufig in Konkurrenz mit allen anderen Anwärtern. Objekt des Neides ist vor allem der Besitz im eigentlichen und übertragenen Sinn – materieller Besitz, Privilegien, Eigenschaften, kurz, Dinge, die wir besitzen möchten, aber nicht besitzen, oder Dinge, die wir und Andere besitzen, die wir diesen aber nicht gönnen, weil wir uns von ihnen (meistens nach oben hin) distanzieren möchten. So stellt Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches fest: „Innerhalb der gesellschaftlichen Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung auf, daß ein jeder kein Verdienst über seinem Stande habe, auch daß sein Glück diesem gemäß sei und namentlich, daß sein Selbstbewußtsein jenen Schranken nicht entwachse. Oft erfährt der siegreiche General den ‚Neid der Götter‘, ebenso der Schüler, der ein meisterliches Werk schuf.“ (Nietzsche, Neid der Götter) Die Gesellschaft wird hier von Nietzsche als Rangordnung, Hierarchie gewertet, innerhalb derer jeder seinen „gebührenden“ Platz innehat; gelingt es ihm, die Grenzen dieses Ranges zu sprengen, so widerfährt ihm von den „Hinterbliebenen“ Missgunst und Neid – dies sind die Regeln des Klassen- und Machtkampfs.

Missgunst und Neid werden durch Wünsche hervorgerufen, die ihrerseits nichts anderes als ein Mangelgefühl darstellen: Einerseits verleiten gemindertes Selbstwert- oder Minderwertigkeitsgefühl, andererseits Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis den Einzelnen dazu, neidisch zu werden. Obschon diese empfundenen Mängel zuweilen auf z. B. charakterliche Schwächen zurückzuführen sind, glauben die meisten, sich aus einer sozialen Lage in eine „höhere Kaste“ qua Besitz emanzipieren zu können. Neidgefühle artikulieren den Wunsch, einen Mangel zu beheben, Begierden zu stillen mit dem Ziel, Zufriedenheit und Glück zu erlangen – was aber eine Illusion darstellt, da das Glück, ein sehr persönliches und individuelles Gut, kaum in Hinblick auf den Anderen als Orientierungspunkt erreicht werden kann. Zufriedenheit und Glück verlangen Persönlichkeit, Authentizität und Autonomie, mitnichten die banale Reproduktion des Anderen.

Missgunst und Neid entstehen dann, wenn ein Anderer es geschafft hat, sich über seinen Stand zu erheben, die rigiden Grenzen der von der Gesellschaft bestimmten Kasten zu sprengen: Gewisse Errungenschaften scheinen gewissen Menschen nicht zu gebühren und rufen Neid hervor, so Diogenes Laertius: „L’envie c’est la douleur de voir autrui posséder ce que nous désirons; la jalousie, de le voir posséder ce que nous possédons.“ Es wäre jedoch zu plakativ, diese Kausalität kritiklos hinzunehmen, denn der Gedanke erfordert eine Relativierung: Das Kriterium oder der Maßstab, nach dem beurteilt wird, ob etwas „beneidenswert“ sei, ist des Öfteren das Verdienst („Ehre dem, dem Ehre gebührt.“) Denjenigen Menschen, die hart für ihren Erfolg gearbeitet haben, wird in der Regel weniger Neid entgegengebracht als denjenigen, die den Erfolg nicht verdienen, d.h. die beispielsweise durch Korruption, Vetternwirtschaft oder durch das Zufallsprinzip, also ohne persönliche Leistung, erfolgreich sind. Insofern lassen sich auch die extremen Haltungen des Neides – nach oben und nach unten – erklären: Beneidet werden zum einen die Großverdiener, und der Anspruch auf eine „gerechte Verteilung“ wird erhoben. Es steht nun aber einmal fest, dass Großverdiener zum Teil die Wirtschaft eines Landes sowie den Staatshaushalt stützen und somit einen sozialen Beitrag leisten; auch hier variiert die Neidskala je nach Investition der eigenen Kraft und Leistung: Hat der Großverdiener sich sein Geld durch harte Arbeit verdient? 3sat berichtete zum Thema „Neid und Ökonomie“: „Einkommensunterschiede sind wichtig und notwendig, vorausgesetzt, sie beruhen auf entsprechenden Leistungen oder beispielsweise auch auf vermehrten Bildungsanstrengungen.“ Erstaunlicherweise setzen sich manchmal auch extreme Haltungen nach unten durch, und zwar gegen staatliche, d.h. von der Gesellschaft finanzierte Unterstützung. Immer wieder fordert der eine oder andere die Kürzung der Arbeitslosengelder, also Existenzminimum und schlichten Broterwerb für sogenannte „Untätige“, wobei die Frage nach Integration oder Reintegration in die Gesellschaft ausgeblendet wird. Der Neid oder die Missgunst wird dadurch provoziert, dass jemand etwas bekommt, ohne etwas dafür zu tun – dem Arbeitslosen wird somit generell eine selbstgewählte Untätigkeit unterstellt. Der Ökonom Wolfgang Franz stellt diesbezüglich zu Recht die Frage nach der Reintegration der Arbeitslosen in die Gesellschaft: „Soll nur Wohnen und Essen, also das reine Existenzminimum abgedeckt werden oder ist auch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erwünscht, in Form eines gelegentlichen Theaterbesuchs oder dem Kauf einer Zeitung?“ (Wolfgang Franz, zit. nach 3sat: Neid und Ökonomie) Ob nun Neid „nach oben“ (jemand verdient zu viel) oder Neid „nach unten“ (jemand bekommt etwas, ohne etwas beizutragen), die Quintessenz kreist um den Aspekt des Verdienstes und somit um die Frage der gerechten Verteilung, schließlich der Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen im Allgemeinen.

Gleichheit und Gerechtigkeit

Neid – wir verzichten auf den Begriff „Sozialneid“, da jeder Neid gesellschaftlich bedingt ist (vgl. oben) – wird durch den Anspruch auf soziale und natürliche Gerechtigkeit bzw. Gleichheit gerechtfertigt. Immer wieder gab es wirtschaftswissenschaftliche Theorien, die besagten, dass Neid zu mehr Gerechtigkeit führe, da er Missstände aufdecke. Die Parole ist unmissverständlich: Güter müssten gerecht verteilt werden, weil schließlich alle Menschen gleich seien – ein edler und zweifelsohne ehrenwerter Gedanke, der aber ein humanistisches, d.h. menschliches Ideal darstellt, das man mit allen Mitteln zu erreichen versuchen sollte. Aber die Natur belehrt uns eines Besseren: Sie ist gleichgültig, ungerecht und hierarchisch strukturiert: Der Stärkere frisst den Schwächeren, Naturkatastrophen töten unschuldige Kinder usw. Lediglich der Mensch als rationales Wesen artikuliert seine Empörung gegen eine solche Ungerechtigkeit, erhebt Anspruch auf Gerechtigkeit und Gleichheit – eine durchaus lobenswerte Haltung. Nietzsche porträtiert ebenfalls den „edleren Bruder“ des Neides: „Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd begründet ist, entsteht jener, im ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid. Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des anderen über das gemeine Maß und will ihn bis dahin herabdrücken – oder sich bis dorthin erheben“ (Nietzsche, Der Neid und sein edlerer Bruder, in: Menschliches, Allzumenschliches). Edlere Naturen, so Nietzsche, drückten im Zustande der Gleichheit die „Indignation“ darüber aus, „daß es einem anderen unter seiner Würde und Gleichheit schlecht ergeht, einem zweiten über seiner Gleichheit gut […]. Sie vermissen in den Dingen, welche von der Willkür des Menschen unabhängig sind, Gerechtigkeit und Billigkeit, das heißt: sie verlangen, daß jene Gleichheit, die der Mensch anerkennt, nun auch von der Natur und dem Zufall anerkannt werde; sie zürnen darüber, daß es den Gleichen nicht gleich ergeht.“ (ebd.) Neid verlangt zum einen, dass jeder Mensch die Grenzen des „gemeinen Maßes“ nicht sprengt oder, im Fall einer Überhebung, dass der Zurückgelassene ebenfalls auf eine höhere Ebene gelangt – eine zweifelhafte Idee von Gleichmacherei, die, so der Ökonom Ernst Fehr, das Kriterium per se der gesellschaftlichen Doppelmoral verkörpere: Man verübelt jemandem seine Besserstellung und wünscht sich gleichzeitig dieselbe. Diese Haltung klagt keineswegs Gleichheit ein, sondern stellt lediglich einen „Frontwechsel“ dar. Auch wenn die „Edleren“, wie Nietzsche konzediert, an der Ungerechtigkeit der Natur und des Zufallsprinzips verzweifeln, so stellt diese Ungerechtigkeit ebenfalls einen Neidfaktor dar: Es ist die Empörung gegenüber der Ungleichheit des Menschen in Bezug auf von ihm nicht zu kontrollierende Schicksalsschläge und Zufälle (Warum ist X schöner als ich? Warum bin ich in eine minderbemittelte Familie, Y in eine gut betuchte hineingeboren worden?).

Neid als Aufruf zu einer allgemeinen Gerechtigkeit und Gleichheit bleibt aber höchst zweifelhaft, besteht er doch meistens darin, eigene Mängel zu beseitigen, eigene Bedürfnisse zu stillen, ohne aber das Ziel, die generelle Gerechtigkeit und Gleichheit zu erreichen, zu verfolgen: Neid bleibt insofern egoistisch. Ferner verschwendet des Öfteren der sogenannte „Neidhammel“ seine ganze Energie darauf, dem Beneideten zu schaden, und dies zu eigenen Ungunsten: „Toute jalousie est sans profit, car en cherchant ce qui peut nuire à autrui, elle perd de vue son propre intérêt.“ (Demokrit, Fragmente) Versuche, gerecht zu sein, finden wir auch in den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen: Der Kapitalismus erhebt den Anspruch, dass jeder Einzelne Gewinn erzielen und genießen dürfe, während der Kommunismus fordert, dass jeder gleich viel erhalten solle. Beide Tendenzen leuchten ein, und wahrscheinlich liegt ein Fünkchen Wahrheit in beiden Systemen. Karl Marx postuliert dennoch mit seinem „wissenschaftlichen Kommunismus“ keineswegs schlichte Gleichmacherei (die ihm zufolge auf Neid zurückzuführen sei), sondern die Möglichkeit eines Jeden, seinen eigenen Bedürfnissen zu genügen.

Der Aspekt der Gleichheit muss ebenfalls aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden: Neid entsteht meistens innerhalb einer gleichgestellten Gruppe, d.h. innerhalb eines Kollektivs von Gleichgestellten. Seien es biologische Vorzüge (Gesundheit), kulturelle Privilegien (Schönheit, Weisheit) oder sozialer Status, der Neid entwickelt sich gegenüber nicht erreichtem Erreichbarem: Was ich erreichen könnte (d.h., wo die Wahrscheinlichkeit und die Möglichkeit bestehen), aber nicht erreiche, erzeugt Neid; weil jemand, der mir gleichgestellt ist, erreicht hat, was ich nicht erreicht habe. Eher selten sind die Menschen, die in ihrem Neid zu hoch in die Sterne greifen und Unwahrscheinliches ermöglichen wollen: „Es ging nicht ums ‚Catching up with the Rockefellers‘, sondern um das schlichtere ‚Keeping up with the Joneses‘ – den materiellen Wettbewerb mit den Leuten von nebenan.“ (Henrik Müller, Die gelbe Gefahr, in: manager magazin, 21.7.2007)

Konstruktive und destruktive Kraft des Neides

Eine gewisse Portion „gesunden“ Neides kann durchaus produktiv sein, weil er als Motivationskraft den Menschen weiterbringen kann. Die Differenzierung wird im Französischen klar: Nicht „jalouser quelqu’un“, sondern „envier quelqu’un“ kann insofern förderlich sein, dass wir jemanden um etwas beneiden, ohne es ihm zu verübeln, ihn als Vorbild anerkennen und unsere Kraft darauf verwenden, einen ähnlichen Erfolg zu verbuchen. Neid wird somit zum Motor für Leistung, wie Platon bereits in seinen Nomoi vorschlägt: die Vorzüge des Anderen anerkennen, akzeptieren und ihnen nacheifern. Diese positive Haltung würde mit Sicherheit die menschliche Gesellschaft und die eigene Zufriedenheit fördern, und die Kollateralschäden des zu Frustrationen führenden Neides blieben einem erspart.

Diese lobenswerte Einstellung bleibt aber in der Regel eher eine Rarität, da sich der Neid größtenteils äußerst zerstörerisch auf seine Umgebung auswirkt. Der vermeintlich „Zukurzgekommene“ empfindet seinen Mangel als ungerechtes Schicksal, zumal wenn keine Veränderungsmöglichkeit in Aussicht steht. Diese Machtlosigkeit und dieser Kontrollverlust über die eigene Lage können zur Triebkraft feindseliger Ausschreitungen führen: Dem Anderen wird das Leben vergällt, und im schlimmsten Fall wird das Ersehnte zerstört. Nietzsche nennt diese übelste Form des Neides das „Ressentiment“, das darin besteht, die eigenen Mängel dem Glücklichen anzulasten, so dass Glück zur Schande wird, eine Schande, die im schlimmsten Fall beseitigt werden muss. (vgl. auch Karl-Heinz Nusser, Vom Neid der Götter zum globalen Neid) Der Neider wird, so Nietzsche in Morgenröte, zum Weltvernichter: „Diesem gelingt etwas nicht; schließlich ruft er empört aus: ‚So möge doch die ganze Welt zugrunde gehen!‘ Dieses abscheuliche Gefühl ist der Gipfel des Neides, welcher folgert: weil ich etwas nicht haben kann, soll alle Welt nichts haben! soll alle Welt nichts sein!“ (Nietzsche, Die Welt-Vernichter, in: Morgenröte) Neid vergällt nicht nur das Leben des Anderen, sondern auch das eigene: Steter Konkurrenzkampf, nervenaufreibende Unterfangen, Unzufriedenheit und Zerstörung von Freundschaften sind nur einige Konsequenzen; Diderot stellt in Bezug auf Neid und Freundschaft fest: „La jalousie est un sentiment que l’amitié n’éteint pas toujours. Rien de si difficile à pardonner que le mérite.“ (Diderot, Jacques le Fataliste et son maître) Oder, anders ausgedrückt: Oft ist es einfacher, das Leid eines Freundes zu teilen, als mit ihm seinen Erfolg zu feiern.

Vor allem wirkt aber auch die Lust, Neid zu erwecken, zuweilen selbstzerstörerisch, ja ist ein Zeichen innerer Leere. In einer Welt ohne menschliche Werte definiert sich der Einzelne zusehends durch seinen materiellen Besitz: Das Haben wird zum Sein. Der Psychotherapeut Rolf Haub stellt fest, dass die Tatsache, beneidet werden zu wollen, ein „Liebesersatz“ in einer Gesellschaft sei, in der nicht finanzielle Wertmaßstäbe und enge persönliche Bindungen verloren gingen. (vgl. Henrik Müller, Die gelbe Gefahr, in: manager magazin, 21.7.2007) Der Neid als Maßstab des Selbstwertes wirkt somit auch zerstörerisch auf den Menschen, da er seines Ansehens und Prestiges willen das Zwischenmenschliche auf dem Altar des Materiellen opfert: „Wer beneidet wird, der glaubt, dass er’s geschafft hat.“ (ebd.)

Dass Neid zerstörerisch und konstruktiv ist, veranschaulicht schließlich die Geschichte der Gebrüder Kain und Abel. Da Abels Opfergaben von Gott mehr geschätzt werden, erschlägt Kain in seinem Neid den Bruder – auf Neid folgt also Zerstörung. Dennoch erfahren wir in der Bibel über Kain, dass er das „Kainszeichen“ als Zeichen des göttlichen Schutzes erhält, später eine Familie und eine Stadt gründet – der Neid also über die Phase der Zerstörung zur Konstruktion führt: eine erstaunliche Geschichte, die bereits die Ambivalenz des Neides in den Vordergrund rückt. Fest steht, dass Neid nur durch die „Geselligkeit“ des Menschen entsteht, d.h. durch den Vergleich mit dem Anderen. Eine Therapie gegen Neidanfälle können wir bestenfalls in einem Paradigmenwechsel des modernen Menschen finden, dadurch, dass er versucht, seinen Weg und seine Ziele selbst zu finden und zu definieren, vielleicht mit dem Hinblick (oder Seitenblick) auf den Anderen als Inspirationsquelle, ohne aber der Andere werden zu wollen – was einem Identitätsverlust gleichkäme. Wenn wir unsere eigenen Ziele nur selbst definieren und erreichen können, also Individualität und nicht Zweisamkeit vorausgesetzt ist, vermögen wir auch nur den Neid, der per se wenigstens Zweisamkeit voraussetzt, individuell zu bekämpfen: „Globalisierung bedeutet globale Vergleichbarkeit der Lebenssituationen und hat globalen Neid zur Folge. Politik und Erziehung haben sicher die Aufgabe, Anlässe für den Neid gering zu halten – Neidlosigkeit ist indessen die Aufgabe der einzelnen Persönlichkeit.“ (Karl-Heinz Nusser, Vom Neid der Götter zum globalen Neid)

Claude Heiser

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