Archives
„fonction publique“-Themenreihe: Über das Problematische an Problemen
oder: Die Lösung als Voraussetzung des Problems, Teil 1
Alexanders „Scheinsieg“ in Gordion
Der moderne Sprachgebrauch will, dass derjenige, der sich des Vermögens erfreut, „Knoten durchzuhauen“, über das herausragende Talent verfügt, „eine Schwierigkeit auf verblüffende Weise [zu] lösen.“1 Zurückzuführen ist diese Wendung auf den berühmten Alexander von Makedonien, später der „Große“ genannt, der, nachdem er die Stadt Gordion erobert hatte, in seiner jugendlichen Arroganz die Herausforderung annahm, das dortige Lokalgeheimnis zu lüften und den unentwirrbaren Knoten des königlichen Streitwagens zu lösen. Denn der Sage nach sei derjenige, der den Knoten zu lösen vermöge, dazu bestimmt, König über die ganze Erde zu werden.2 Ein Leichtes für diesen antiken Helden, wie Plutarch einräumt: „Die meisten berichten nun, daß die Enden des Knotens, da vielfach ineinander verschlungen und verknotet, nicht zu sehen gewesen seien, und daher sei Alexander nicht in der Lage gewesen, den Knoten aufzulösen, sondern habe ihn mit dem Schwert durchtrennt, wodurch viele Enden zum Vorschein gekommen seien.“3 Über eine andere, weniger spektakuläre und deshalb kaum bekannte Lösung berichtet, Plutarch zufolge, Aristobulos, der behauptet, „das Auflösen sei Alexander ganz leichtgefallen, indem er einfach den Pflock, mit dem der Jochriemen festgehalten war, aus der Deichsel herauszog und so das Joch vom Wagen trennte.“4
Dass Alexanders Tat es nun verdient, noch im 21. Jahrhundert als Paradebeispiel für eine effiziente Problembewältigung zu dienen, dürfte Zweifel erwecken, gesteht doch Plutarch, er sei „nicht in der Lage gewesen, den Knoten aufzulösen“, während Aristobulos kontert, es sei ihm „ganz leichtgefallen“. Beide überlieferten Lösungen überzeugen meines Erachtens kaum, da es Alexander letztlich keineswegs wirklich geschafft hat, den Knoten zu entwirren: Der ersten Überlieferung nach zerstört er das zu lösende Problem, der zweiten nach umgeht er es. Alexanders Sieg ist somit nichts anderes als ein „Scheinsieg“. Dieser Kriegsherr und zukünftige Welteneroberer löst nicht das Problem, sondern beseitigt es, denn ein Problem zu lösen, bedeutet, dessen Ursprung und Beschaffenheit zu erkennen, zu erfassen und somit das, was unüberwindbar schien, zu überwinden. Alexander aber vertagt, verdrängt lediglich das Problem, denn würde er erneut mit einem Knoten konfrontiert werden, könnte er ihn wieder nicht lösen, sondern lediglich als alter Haudegen manu militari aus dem Weg räumen. Der Pragmatiker würde dem entgegnen, das Problem sei doch gelöst, da es nicht mehr bestehe, und insofern sei eine Lösung gefunden worden. „Problematisch“ daran ist aber, dass eben keine wahre Lösung gefunden worden ist, weil dasselbe Problem immer wieder, wenn auch in einer abgeänderten Form, auftauchen kann. Die Beseitigung des Problems an sich stellt lediglich eine Lösung auf Zeit, auf Bewährung dar.
Hätte es Alexander geschafft, den Knoten zu lösen, anstatt durchzuschlagen, dann hätte in ihm ein Lern- und Läuterungsprozess stattgefunden, der ihm erlauben würde, ähnliche Probleme per Analogie zu enträtseln. Es gibt also kaum Grund zur Freude. In seiner Kurzgeschichte Der Gordische Knoten verlegt Erich Kästner die Geschichte in seine Kindheit und beschreibt, wie er als kleiner Junge, „kein Haar weniger originell und intelligent als Alexander“, sein Geschenk öffnet, indem er sein Taschenmesser zückt und den Bindfaden durchschneidet. Daraufhin die Ansichten der Mutter, „die denen des Orakels diametral widersprachen und die jubelnden Truppen aus Makedonien außerordentlich verblüfft hätten. [...] ‚Knoten schneidet man nicht durch!‘ hätte sie in strengem Ton gesagt.“ Wäre Alexander, so Kästner, alt und weise geworden, hätte er einsehen müssen: „Diese Frau Kästner, damals in Gordium, hatte gar nicht so unrecht. Knoten schneidet man nicht durch. Wenn man es trotzdem tut, sollten die Soldaten nicht jubeln. Und wenn die Soldaten jubeln, sollte man sich wenigstens nichts darauf einbilden!“5
Von Problembewältigung oder Pro-blemlösung, auf die man stolz sein könnte und die Jubel verdiente, kann also im Fall Alexanders des Großen kaum die Rede sein: Es findet weder eine Suche nach der Lösung statt, noch wird eine Lösung in beiden überlieferten Fällen überhaupt in Erwägung gezogen. Vielmehr wird der Knoten als solcher zerstört, weil er keine Lösung in Aussicht stellt. Ergo: Da es keine Lösung gibt, gibt es auch kein Problem – das Problem gibt es realiter nicht mehr, da es durch den Schwerthieb konkret, materiell aus der Welt geschafft worden ist.
Interdependenz von Problem und Lösung
Von einem „wirklichen“ Problem können wir also nur reden, wenn eine Lösung desselben möglich bzw. wahrscheinlich ist. Diese Interdependenz zwischen den beiden Größen kann aus folgender Definition abgeleitet werden: „Ein Problem [...] entsteht, wenn das vorliegende Wissen nicht ausreicht, um ein Ziel zu erreichen bzw. eine anstehende Aufgabe lösen zu können, oder wenn nicht klar ist, welche Schritte unternommen werden müssen, um eine Aufgabe zu lösen oder eine Frage zu beantworten.“6 Das Problem enthält also per se eine Finalität, ein Ziel, ein Telos, wie die jeweiligen finalen Nebensätze veranschaulichen: Es ist unmittelbar mit einer potentiellen Lösung verbunden, um überhaupt den Namen eines Problems zu verdienen – kein Problem ohne mögliche, wahrscheinliche Lösung.
In diesem Sinn, und mag dies auch äußerst hartherzig auf die Leserin oder den Leser wirken, stellen sogenannte Schicksalsschläge, die den Einzelnen von außen treffen, kein Problem dar, sondern eine unabänderliche Faktizität: Jemand, der nach einer Naturkatastrophe sein Eigenheim in Trümmern vorfindet, jemand, der einen lieben Menschen verloren hat, jemand, der von einer unheilbaren Krankheit heimgesucht wird ..., hat kein Problem, da es keine Lösung mehr gibt – das zerstörte Haus ist zerstört, der geliebte Mensch ist tot, jemand ist unheilbar krank. Hier handelt es sich um Opfer von Tatbeständen, Realitäten, Fakten, die keinen Lösungsansatz mehr erlauben und weder durch Analyse oder tiefer greifende Erkenntnis noch durch Lernfähigkeit aus der Welt zu schaffen wären. Das Individuum hat eine Niederlage, einen Schicksalsschlag erlitten, mit dem es leben muss; es kann diese akzeptieren oder dagegen revoltieren, aber eine Lösung kann es nicht finden. Diese Heimsuchungen, fälschlicherweise in der Umgangssprache als „Probleme“ bezeichnet, stellen den wahren Gordischen Knoten, der keine Lösung bietet und zur dessen Beseitigung es kein Schwert gibt, dar. In einer solchen Lage wird der tapfere Recke Alexander zur Farce.
Fadenscheinige Probleme – eine zeitgenössische Krankheit
Wenn Karl Popper in seinem Werk Alles Leben ist Problemlösen die allgemeinen Lebensprinzipien der Pro-blemstellung und Problemlösung in der biologischen Evolutionstheorie auf die Gesellschaft überträgt und das Leben der Menschen als ein fortwährendes Problemlösen postuliert, so stellt er vor allem die Grundprobleme der Nahrung, Paarung, Kleidung, Wohnung u.Ä. in den Vordergrund. Hier haben wir de facto mit konkreten, materiellen Problemen zu tun, die eine mögliche Lösung in Aussicht stellen. Die ungerechte Verteilung des Wohlstandes in der heutigen Gesellschaft führt dazu, dass viele Menschen im Alltag gezwungen sind, diese Probleme tagein tagaus mit ihrer ganzen Energie zu lösen und ihren Lebensunterhalt stricto sensu zu „bestreiten“, während wiederum für viele andere diese Probleme überhaupt nicht bestehen, da für sie die Erfüllung der Grundbedürfnisse eine Selbstverständlichkeit darstellt. Umso erstaunlicher mutet es an, dass gerade in unseren hochzivilisierten Wohlfahrtsstaaten das Problem, das Problematische, das Problemwälzen sich einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dabei handelt es sich größtenteils, so meine These, kaum um wirkliche Probleme, da diese des Öfteren gewollt, erdichtet, heraufbeschworen sind und die vermeintlichen Opfer eine Lösung a priori ausschließen, überhaupt nicht in Erwägung ziehen wollen: Das Problem gehört zur Grundausstattung wie das geheizte Freischwimmbad im Garten oder der teure Wagen, die man ja auch nicht entbehren möchte.
Wie bereits während der klassischen Moderne ein gewisser Spleen den wahren Künstler oder Décadent ausmachte, so scheint es auch heutzutage zuweilen zum guten Ton zu gehören, die Bürde des einen oder anderen Problemchens zu tragen. Verlegenheit ist manchmal auf den Gesichtern zu erkennen, wenn jemand auf die Frage, wie es ihm gehe, gestehen muss, dass es ihm (eigentlich) gut gehe, wäre es doch eigentlich – rein egoistisch betrachtet – viel gewinnbringender und spannender, die volle Aufmerksamkeit und das Mitgefühl und Interesse des Anderen dadurch zu erheischen, dass man ihm seine doch nicht zu unterschätzenden Probleme (ein Zwacken im Rücken, die Extravaganzen der ältesten Tochter usw.) darbietet. Was hier stattfindet, ist eine Identifikation mit fadenscheinigen Problemen, die Tendenz, sich als Märtyrer oder Heiligen Stefanus hochzustilisieren mit dem Ziel, von anderen wahrgenommen zu werden und ihr Interesse „an meiner Person“ zu wecken. Dass es sich hier um keine Probleme handelt, beweist die Tatsache, dass im tiefsten Inneren keine Lösung erwünscht ist.
Eine ähnliche (moderne) Verhaltensweise ist die des Problemwälzens mit exhibitionistischer Tendenz. Jeder Mensch erlebt hier und da eine Niederlage während seiner Existenz oder, um den Gedanken zu relativieren, ist zumindest ein potentielles Opfer. Wie oben bereits erwähnt, stellen diese Niederlagen (Scheitern im Beruf, in einer Beziehung, Verlust eines Menschen u.Ä.) eine unwiderrufliche Tatsache dar, die keine Lösung in Aussicht stellt: Es ist so, wie es ist, unabänderlich, insofern ohne Lösung und somit kein Problem im eigentlichen Sinn. Viele Betroffene neigen dazu – und werden von unserer psychologisierten Post-68er-Hippy-Gesellschaft darin unterstützt –, ihr Leid ihrer Umwelt unentwegt, „bis zum Abwinken“ zu unterbreiten. Wäre hier nicht manchmal das goldene Schweigen fruchtbringender als das silberne Reden? Auch wenn der Psychotherapeut das Verdrängte aufarbeiten möchte, scheint es doch manchmal sinnvoller, diesen von Freud typologisierten Mechanismus walten zu lassen, anstatt Probleme zu wälzen, die keine sind, weil sie nicht mehr gelöst werden können, und die Gefahr zu laufen, die Geister, die man fürsorglich am Leben hält, nicht mehr loszuwerden.
Apropos Geister: So wie Goethes Zauberlehrling Geister ruft und diese nicht mehr loswird, so vermag auch das Subjekt Probleme heraufzubeschwören, die in der äußeren Realität vielleicht überhaupt nicht existieren. So erkennt auch der unter Schwarzmalerei leidende Faust die eigens erdichteten Fratzen, die ihn heimsuchen: „Nur mit Entsetzen wach’ ich Morgens auf,/ Ich möchte bittre Tränen weinen,/ Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf/ Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen,/ Der selbst die Ahnung jeder Lust/ Mit eigensinnigem Krittel mindert,/ Die Schöpfung meiner regen Brust/ Mit tausend Lebensfratzen hindert.“7 Und am Ende seines Lebens scheint die Sorge fester Bestandteil seines Wesens geworden zu sein, denn apodiktisch verkündet sie dem Leidenden: „Bin einmal da.“8 Solche „Probleme“ – bezeichnen wir sie vorläufig noch als solche – entspringen dem eigenen Inneren, sind also rein subjektiv und werden auf die äußeren Phänomene projiziert: Provokationen gegen andere sind d. Ö. nichts anderes als eine Projektion der eigenen Aggressivität, vielleicht auch der eigenen Unzulänglichkeit auf eine andere Person, die dadurch zur Projektionsfläche wird. Unsicherheiten, mangelndes Selbstwertgefühl, Minderwertigkeitskomplexe, Verfolgungswahn usw., unter der Bedingung, dass sie nicht von anderen gezielt provoziert werden, stellen somit nicht notgedrungen ein Problem dar, weil es keinen empirisch nachvollziehbaren Grund gibt, einen Grund also, den man bekämpfen könnte und dessen Beseitigung eine Lösung des Problems darstellen würde.
Die Beschaffenheit eines Problems wird in diesem Beispiel deutlicher: Wenn jemand an Selbstwertgefühl verliert, weil andere Menschen ihn beispielsweise unentwegt schlechtmachen, gibt es ein Problem, das auf einen äußeren Grund zurückzuführen ist und dort an der Wurzel bekämpft werden kann, was zu einer Lösung führen könnte. Schwarzmalerei und negative Gedanken, die nicht auf einen äußeren Beweggrund zurückzuführen sind, stellen kein Problem dar, weil es keinen Grund gibt, der bekämpft werden könnte, und somit keine mögliche Lösung. Heideggers „Satz vom Grund“ kommt einem in den Sinn: „Nichts ist ohne Grund. [...] Unser Verstand wird nicht weiter bemüht, um den Satz vom Grund zu verstehen. Woran liegt das? Daran, daß der menschliche Verstand selbst überall und stets, wo und wann er tätig ist, alsbald nach dem Grund Ausschau hält, aus dem das, was ihm begegnet, so ist, wie es ist.“9 Insofern muss auch das Problem auf einen Grund zurückgeführt werden können – die Beschaffenheit des Gordischen Knotens als Voraussetzung für dessen Entwirrung –, der wiederum eine mögliche oder wahrscheinliche Lösung bedingt: Kein Problem ist ohne Grund, d.h. jedes Problem hat seinen Grund und somit eine mögliche Lösung.
Claude Heiser
1 Vgl.Duden-Universalwörterbuch,
s. v. „Knoten“.
2 Vgl. Plutarch: Alexander. Caesar, übers. u. hrsg. v. Marion Giebel, Stuttgart 1980, Kap.18, S.23.
3 Ebd.
4 Ebd., S.23f.
5 Kästner, Erich: Der gordische Knoten, in: Ders.: Gesammelte Schriften für Erwachsene, Bd.7: Vermischte Beiträge 2, München 1969, S.68ff.
6 Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM, unter Mitwirkung v. Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann u.a., Hamburg 2010, s.v. Problem, philosophisches, S.2151f.
7 Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Texte, hrsg. v. Albrecht Schöne, Frankfurt a. M. 1999, V.1554-1561 (H.v.m.).
8 Ebd., V.11421.
9 Heidegger, Martin: Der Satz vom Grund, Stuttgart 81997, S.13.