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„fonction publique“-Themenreihe: Postfaktisch

postfaktisch

Über den Sinn und Unsinn einer erfolgreichen Wortschöpfung.

Wort des Jahres 2016

Vermutlich ist die Beliebtheit, deren sich der Neologismus postfaktisch, von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 gekürt, erfreut, auf eine Aussage der Bundeskanzlerin Angela Merkel zurückzuführen, die feststellte: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen."1 Fortan wurde dieses Adjektiv regelmäßig in unterschiedlichen Beiträgen von Seiten der Presse und Politik bemüht, um die von Täuschung und Unwahrheiten getrübte Gegenwart zu charakterisieren und zu kritisieren, so dass spätestens seit dem Machtwechsel in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Ära, die des „Postfaktizismus" (der Verfasser erlaubt sich den Gebrauch dieses Neologismus), eingeläutet worden zu sein scheint. Jochen A. Bär unternimmt den Versuch einer Definition:

„Die Jahreswortwahl richtet das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen ‚die da oben‘ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der ‚gefühlten Wahrheit‘ führt zum Erfolg."2

Diese Definition, die vor allem auf einer Beobachtung und Beschreibung der gesellschaftlichen „Entwicklung" beruht - der Begriff „verweist" auf etwas -, wirft einige Fragen auf, nämlich was genau dieses Adjektiv bedeuten könnte, inwiefern es den Zeitgeist erfasst und ob wir momentan wirklich einen „tiefgreifenden politischen Wandel" erleben. Die Stichhaltigkeit des Jubilars 2016 postfaktisch soll also im Folgenden geprüft werden.

Realität und Faktizität - sprachwissenschaftliche und philosophische Annäherung

Vom lateinischen Verb facere/machen abgeleitet, bezeichnet faktisch zunächst das, „was gemacht worden ist" bzw. was sich ereignet hat, d. h. eine Konkretisierung oder Materialisierung in der Welt, die von den Menschen wahrgenommen werden kann. Der in der deutschen Sprache ursprüngliche Begriff „Eräugnis", aus dem „Ereignis" entstanden ist, verdichtet die Bezeichnung „Faktizität" zu etwas, das sichtbar, wahrnehmbar, zu einem Phänomen wird. Ein Exkurs über philosophische Theorien über die Realität und deren Wahrnehmung, so zum Beispiel die Phänomenologie, würde den Rahmen dieses Beitrags erheblich sprengen, so dass wir uns mit der bescheidenen Feststellung begnügen: Faktizität bzw. Realität scheint zunächst das zu sein, was wir als Menschen optisch, akustisch wahrnehmen können, was in der Welt de facto, konkret existiert, d. h. materialisiert worden ist - Fakten sind Vergegenständlichungen, Konkretionen.

Sowohl die Wahrnehmung als auch die Weitervermittlung solcher Begebenheiten verlaufen aber stets mittelbar, sei es unter anderem qua Bilder oder qua Sprache. Eindrücke, die das Individuum von der es umgebenden Realität erhält, werden in der Regel gedanklich und somit subjektiv verarbeitet, ferner sprachlich bzw. bildlich weitervermittelt. Offensichtlich ist bei diesem alltäglichen Prozess eine absolute Objektivität bzw. Faktizität bereits höchst fraglich, denn die Art und Weise, das Wie meiner Wahrnehmung bzw. Weitervermittlung bleibt letzten Endes ausschlaggebend. Um es mit Schopenhauer auszudrücken, bleibt meine Welt stets nur meine Vorstellung von Welt, die ich wiederum, von meiner Subjektivität manipuliert, weiterreiche. Realität und Faktizität sind also nichts anderes als die subjektive Interpretation von Realität und Faktizität. So stellt Nietzsche fest: „Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehn bleibt ‚es gibt nur Tatsachen‘, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum ‚an sich‘ feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen."3 Der Wahrnehmungsapparat des Menschen ist der Subjektivität untergeordnet, so dass die individuellen Erfahrungen, das Wissen, die Intelligenz „nackte Tatsachen" zwangsläufig bekleiden. Ferner vollzieht sich die Übermittlung von vermeintlichen Tatsachen hauptsächlich durch das Medium der Sprache, die trotz aller Normierung subjektiv bleibt.

Wittgenstein zufolge bedeuten die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt.4 Realität ist größtenteils Ausdruck von Realität, somit Versprachlichung von sogenannten Fakten. Vieles erfährt der Mensch durch Sprache, und zwar in schriftlicher (briefliche Mitteilung, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Beiträge, Romane ...) oder mündlicher (Reden, Gespräche, Funk und Fernsehen ...) Form. Dem, was sprachlich nicht ausgedrückt werden kann, kommt also die Existenz abhanden; das, was mangelhaft oder bruchstückartig mitgeteilt wird, verzerrt die angebliche Faktizität. Die Störfaktoren einer banalen Kommunikation sind erschütternd: Ein Gedanke muss zunächst von einem Subjekt versprachlicht werden, so dass, je nach Sprachkompetenz, Ersterer bereits verzerrt wird; aufgrund der eigenen Sprachkompetenz und Erfahrungen (die bei der Vernehmung von Worten gewisse Konnotationen hervorrufen) interpretiert der Nachrichtenempfänger die Botschaft, d. h. verzerrt das bereits vom Sender Verzerrte: Ein eindeutiger, rein objektiver Ausdruck von Faktizität im Eins-zu-eins-Verhältnis ist insofern unmöglich, dass die Realität durch den Wahrnehmungs- bzw. Übermittlungsapparat des Subjekts gefiltert und beeinflusst wird.

Unabhängig von der Kompetenz des Sprechers ist die Sprache selbst unzulänglich. Auch wenn Ferdinand de Saussure zufolge die Sprache als Bezeichnendes sich mittels Regeln und Normen auf ein Bezeichnetes bezieht (das Bezeichnende/verschriftlichte Symbol „Wolke" verweist auf den konkreten weißen Dunst im Himmel, so dass jeder kompetente Sprecher es verstehen kann), so bleibt die sprachliche Kompetenz, Faktizität zum Ausdruck zu bringen, doch höchst zweifelhaft. Zunächst neigen die Begriffe dazu, Realien zu kategorisieren, d. h. in eine Definition zu zwängen und einzuengen. Nietzsche schreibt:

„Das Wort und der Begriff sind der sichtbarste Grund, weshalb wir an diese Isolation von Handlungen/Gruppen glauben: mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das Wahre derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch fortwährend verführt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt voneinander, unteilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische Mythologie in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man sonst auch sein mag."5

Mit der Sprache fertigen wir die komplexe Faktizität ab, reduzieren diese auf angeblich verständliche Begriffe, die jeweils einen Teil der Realität widerspiegeln sollen und Anspruch auf Wahrheit erheben. Wenn also Realität vor allem Ausdruck von Realität und dieser nur brüchig und unvollständig ist, so kann es keine absolut objektive Faktizität geben.

Ferner missachten die Verfechter eines absoluten Wahrheitsanspruchs, dass es neben der scheinbar faktischen Realität eine weitere, ebenbürtige Realität gibt, nämlich die der Gedanken und Gefühle. Diese kann meines Erachtens als „zweite" Realität bezeichnet werden, ohne aber der „ersten" untergeordnet zu sein. Das Individuum reagiert stets auf äußere Begebenheiten, und zwar physisch (Sehen, Hören ...) und psychisch bzw. geistig (Erkennen, Deuten ...). Realität ist also Aktion und Reaktion: Tatsache ist für mich nicht nur eine konkrete Begebenheit, sondern faktisch sind auch meine Gedanken über bzw. meine Gefühle gegenüber gewissen Tatbeständen. „Tatsächliche" Realität und gefühlte Realität bilden also zusammen das, was als Faktizität bezeichnet werden könnte. Gefühle bzw. Abstrakta auszudrücken, scheint noch schwieriger zu sein, da das Verhältnis zwischen Bezeichnendem (Sprache) und Bezeichnetem (Realität) höchst kompliziert und willkürlich/subjektiv ist. Hofmannsthal liefert in seinem berühmten Chandos-Brief ein einleuchtendes Beispiel:

„Es begegnete mir, daß ich meiner vierjährigen Tochter Catarina Pompilia eine kindische Lüge, deren sie sich schuldig gemacht hatte, verweisen und sie auf die Notwendigkeit, immer wahr zu sein, hinführen wollte, und dabei die mir im Munde zuströmenden Begriffe plötzlich eine solche schillernde Färbung annahmen und so ineinander überflossen, daß ich, den Satz, so gut es ging, zu Ende haspelnd, so wie wenn mir unwohl geworden wäre und auch tatsächlich bleich im Gesicht und mit einem heftigen Druck auf der Stirn, das Kind allein ließ, die Tür hinter mir zuschlug und mich erst zu Pferde, auf der einsamen Hutweide einen guten Galopp nehmend, wieder einigermaßen herstellte."6

Der unter einer Sprachkrise leidende Lord Chandos stellt somit die Frage nach der Stichhaltigkeit abstrakter Begriffe wie zum Beispiel „wahr zu sein", d. h. inwieweit Sprache überhaupt dazu fähig ist, Realität bzw. Wahrheit und Sinn objektiv auszudrücken. Auf welche rein objektiven Tatbestände vermögen Bezeichnungen wie „Frieden", „Hass", „Wahrheit" überhaupt zu verweisen?

Bewegen wir uns anschließend auf das Gebiet per se des Postfaktischen, nämlich Gesellschaft und Politik, so stellen wir fest, dass dort die Sprache eine wesentliche Rolle spielt und somit eine reine Faktizität unmöglich ist: Jede Botschaft, jeder Ausdruck ist bereits beim Entstehen, auch wenn unverschuldet und unwillkürlich, subjektiv manipuliert. Dann stellt sich die Frage, ob die kritische Bezeichnung postfaktisch überhaupt noch einen Sinn ergibt. Der englische Begriff, dem der deutsche entlehnt ist, nämlich post truth oder post factual, kann diese Suche erleichtern. Jochen A. Bär verweist auf die temporale Bedeutung der lateinischen Präposition post: „Es kennzeichnet in Wortgruppen wie postfaktische Zeiten, postfaktische Politik eine Etappe, von der man nicht genau weiß, wann sie begonnen hat, und auch nicht, wann sie enden wird."7 Demzufolge würde postfaktisch bedeuten, dass eine neue Ära auf unabsehbare Zeit begonnen hätte. Genauer betrachtet, impliziert das Adjektiv, dass wir uns in einer Epoche nach den Fakten bzw. nach der Wahrheit befinden. Wenn der Vorwurf lautet, in unserer Gesellschaft würden Lügen verbreitet und der gefühlten Realität würde der Vorrang zugestanden werden, so müsste man auf einen Neologismus kontrafaktisch oder antifaktisch (also gegen die Realität bzw. Wahrheit) zurückgreifen. Das Kunstwort postfaktisch macht meines Erachtens kaum Sinn: Was heißt eine Zeit nach den Fakten oder, wie in der englischen Sprache, nach der Wahrheit? Erstens setzt dieser Begriff eine eindeutig zuverlässige Faktizität bzw. unmissverständliche Wahrheit (vgl. post truth), die es - wie oben erläutert - kaum gibt, als Prämisse voraus. Zweitens war und ist die Realität des Menschen per se postfaktisch, da sie aus Aktion und Reaktion besteht: Realität/Faktizität stellt ein Zusammenspiel von Tatsache (factum) und subjektiver emotionaler und kognitiver Wahrnehmung, die über die „nackte Wahrheit" hinausgeht (post), dar. Für einen Menschen, der unter Angstzuständen leidet, ist Angst eine Realität, auch wenn sie nicht notgedrungen auf nachvollziehbaren Fakten gründet (z. B. Existenzangst), also postfaktisch. Wenn also Emotionen als wesentlicher Bestandteil des Menschen postfaktisch sind und für diesen eine Realität darstellen, dann ist die Realität per se postfaktisch. Wenn Realität vor allem Ausdruck bzw. Wahrnehmung von Realität ist und diese über die nackten Tatsachen durch die Subjektivität hinausgehen, also postfaktisch sind, ist Realität per se postfaktisch.

In diesem Sinn ist das Menschsein an sich, und somit jedes Zeitalter, postfaktisch, auch wenn sich die Akzente stets verschoben haben und weiterhin verschieben. Bis vor kurzem herrschten in unserer „wissenschaftlichen", vermeintlich „aufgeklärten" Epoche deutlich die Fakten vor, so dass sich die Geisteswissenschaften, allen voran die Philosophie, angeblich in die Irrationalität haben flüchten müssen, um ihre Daseinsberechtigung aufrechtzuerhalten: „As science took over the interpretation of reality, philosophy became more anti-realist in order to retain a space where it could still play a role."8 Diese Kritik an den philosophischen Bemühungen setzt eine eindimensionale Realität, eine konkrete, materielle Wirklichkeit voraus, an deren Oberfläche (Natur-)Wissenschaftler ihre positivistischen Studien betreiben. Gehen wir aber davon aus, dass Realität nicht nur Oberfläche, sondern auch ein „Innenleben", nämlich das der Gedanken und Gefühle, aufweist9, so vermag der Stellenwert der Geisteswissenschaften kaum infrage gestellt zu werden: Sie beschäftigen sich mit der „zweiten" Realität. Fest steht, dass unsere Gesellschaft seit einiger Zeit dazu neigt, sich von der Vorherrschaft der Fakten befreien zu wollen - eine Tendenz, die ebenfalls keineswegs als tiefgreifender Wandel bestaunt werden muss. Nietzsche ermahnt die Anbeter des Faktizismus wie folgt: „So seid ihr die Advokaten des Teufels, und zwar dadurch, daß ihr den Erfolg, das Faktum zu eurem Götzen macht: während das Faktum immer dumm ist und zu allen Zeiten einem Kalbe ähnlicher gesehen hat als einem Gotte."10

Realitätsflucht des zeitgenössischen Menschen

Die im Augenblick schwindende Vorherrschaft der Fakten stellt einen Machtverlust des Wissens dar, denn, wie Marx konzedierte, Wissen ist Macht. Der Rückgriff bzw. Verweis auf Fakten scheint alles zu rechtfertigen, ein unumstößliches Argument für oder wider etwas darzustellen. Kann ein Vorhaben mithilfe von Statistiken oder wissenschaftlichen Analysen beispielsweise untermauert werden, scheint die Legitimität desselben nicht mehr hinterfragt zu werden: Die Notwendigkeit ist „objektiv" bewiesen worden, so dass die Subjekte nichts mehr dagegen ausrichten können. Die Abhängigkeit von Fakten als Legitimationskriterien hat ebenfalls das Phänomen hervorgerufen, das jetzt als postfaktisch gescholten wird: Da nur noch Fakten als Realität akzeptiert werden, fühlt sich der eine oder andere gezwungen, „Tatsachen" dort, wo es keine gibt, heraufzubeschwören, zu erfinden, kurz, die Unwahrheit zu sagen oder Lügen zu verbreiten, um seine Ziele zu erreichen. Übertriebene Faktizität, ja die Diktatur der Fakten, hat postfaktisches Verhalten geradezu provoziert - ein Verhalten, das auch als Befreiungsbestreben empfunden werden kann: „There is some sort of teenage joy in throwing off the weight of facts - those heavy symbols of education and authority, reminders of our place and limitations".11 Fakten, vermeintlich objektive Realitäten engen die Subjektivität bzw. Individualität des Einzelnen ein, was zum Teil wiederum legitim ist, da nicht jeder seinen subjektiven Empfindungen und Bestrebungen als alleiniger Wahrheit blindlings folgen kann. So wie eine übertriebene Faktizität ins Nirgendwo führt, so ebnet eine übertriebene Subjektivität den Weg ins Chaos. „Tatsache" ist aber auch, dass Fakten alleine keine Objektivität, absolute Wahrheit oder Realität darstellen. Interessant ist in diesem Kontext, dass sogar im Tempel der Justitia, die alles mit verbundenen Augen auf die Waagschale legt, keine absolute Objektivität vorausgesetzt wird. So gibt es im deutschen Zivilrecht das Prinzip der „freien Beweiswürdigung" (frz. „intime conviction"), die den Richtern eine gewisse Subjektivität zugesteht: Es steht ihnen frei, nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu entscheiden, welchen Fakten bzw. Beweisen sie mehr oder weniger Bedeutung beimessen, welche Aussagen sie als wahr akzeptieren, um zu einem Urteil zu gelangen: „Das Gericht hat unter Berücksichtigung des gesamten Inhalts der Verhandlungen und des Ergebnisses einer etwaigen Beweisaufnahme nach freier Überzeugung zu entscheiden, ob eine tatsächliche Behauptung für wahr oder für nicht wahr zu erachten sei. In dem Urteil sind die Gründe anzugeben, die für die richterliche Überzeugung leitend gewesen sind."12 Die Art und Weise der Handhabung und Bewertung von Fakten ist per se subjektiv, so dass ein Urteil niemals rein objektiv gefällt werden kann. Auch hier wird ersichtlich, dass der Kontext, d. h. die Relativierung der Faktizität, eine wesentliche Rolle spielt.

Die zeitgenössische Gesellschaft, eine Gesellschaft der „neuen Subjektivität", kennzeichnet sich vor allem durch eine romantisierende Realitätsflucht. Charakterschwäche, Velleität, Identitätsverlust in einer sich rasant entwickelnden globalisierten Welt führen dazu, dass viele sich eine eigene, virtuelle Welt konstruieren, in die sie sich zurückziehen können. Soziale Netzwerke wie Facebook haben diese Tendenz frühzeitig erkannt und das Geschäft des Jahrhunderts abgewickelt. Auf Facebook werden illusorische Welten errichtet, der User konzipiert sein Universum, und zwar weit entfernt von jedweder Faktizität, geht es doch darum, sich und die Seinen so darzustellen, wie sie sein wollen und nicht wie sie sind. Dort fühlt man sich wohl, weil man sich von den Launen des unbarmherzigen wahren Lebens geschützt fühlt und sein Leben zu kontrollieren glaubt: „Social media, now the primary news source for most Americans", schreibt Pomerantsev, „leads us into echo chambers of similar-minded people, feeding us only the things that make us feel better, whether they are true or not."13 Es handelt sich also vor allem um eine Atmosphäre, die geschaffen wird, um eine „gefühlte" Realität: Man ist nicht daran interessiert, ob es einem de facto gut geht, sondern dass man sich gut fühlt. Dass dieser „zweiten Realität" ein der reinen Faktizität ebenbürtiger Wert zugestanden wird, beweisen die Bestrebungen vieler Nachrichtendienste, soziale Netzwerke zu bespitzeln: Auf der einen Seite kritisiert man mit dem Begriff postfaktisch eine Neigung des Menschen, sich von den Tatsachen abzuwenden, auf der anderen Seite kennt man die Scheinwelt der Gefühle als Realität dadurch an, dass man sie akribisch genau kontrolliert. So fasst beispielsweise die amerikanische Regierung ins Auge, dass jeder Einreisende in Zukunft den Behörden seine Facebook-Kennung „freiwillig" mitteilen „muss".

Beliebte Zielscheiben, wenn es um den Vorwurf postfaktischen Verhaltens geht, sind des Öfteren Politiker, die angeblich Unwahrheiten, Halbwahrheiten oder Lügen verbreiten. Wenn Donald Trump wegen seiner Aufforderung an die Zuhörer in Florida „to look at what's happening (sic!) last night in Sweden" einer seit seinem Amtsantritt weiteren Halbwahrheit bezichtigt wird, dann mag das wohl auf den ersten Blick zutreffen; bei näherer Betrachtung jedoch haben wir es wohl eher mit einer (vielleicht auch bewusst eingesetzten) unpräzisen Aussage zu tun: Auch wenn nichts Spezifisches in dieser Nacht in Schweden geschehen ist, so wird das Land von größeren Problemen im Rahmen der Flüchtlingspolitik heimgesucht.14 Was diesen Politiker kennzeichnet, ist der gezielte Einsatz vom Hörensagen, von Gerüchten und übler Nachrede, alles Mittel, die sich ebenfalls in den sozialen Netzwerken, in der viel gelesenen Boulevardpresse, ja zuweilen in zwischenmenschlichen Beziehungen einer großen Beliebtheit erfreuen. Die Frage drängt sich somit auf, ob nicht gerade Politiker wie Trump Realpolitiker sind, da sie sich der neuen Realität des Postfaktischen anpassen. Politiker sind letzten Endes Vertreter des Volkes, das seit Jahrtausenden von diesen immer noch panem et circenses verlangt. Und neben einer materiellen Absicherung lechzen heutzutage viele nach Unterhaltung und Amüsement, eben Spielen, die in ihrer Abgeschmacktheit äußerst verheerende Auswirkungen haben können. Der Vorwurf gegenüber einem postfaktischen politischen Verhalten ist der Vorwurf einer Gesellschaft, die postfaktisch lebt und leben will, einer Gesellschaft, die die Geister der Irrationalität und Halbwahrheiten rief und nicht mehr loswird. Phänomene wie Trump und der sich erneut durchsetzende Rechtsradikalismus sind nicht auf eine Weltverschwörung zurückzuführen, sondern das Resultat einer Gesellschaft, die, der Diktatur der vermeintlich reinen Fakten müde, vor der Wirklichkeit in einen neuen Mystizismus und eine neue Irrationalität flieht.

Im Westen nichts Neues

Postfaktisches Verhalten ist „Menschliches, Allzumenschliches". Passieren wir die westliche Kulturgeschichte Revue, so wird klar, dass seit jeher ein Zeitalter einer ausgeprägten Objektivität von einem Zeitalter einer ausgeprägten Subjektivität abgelöst wurde. Das Wechselspiel von Objektivität und Subjektivität scheint nichts anderes als das menschliche Wesen widerzuspiegeln: So folgte beispielsweise in der Literaturgeschichte auf die deutsche Aufklärung mit Kants sapere aude die Zeit der vorherrschenden Gefühle mit der Empfindsamkeit und dem Sturm und Drang, die die Sehnsucht nach irrealen Welten in den Vordergrund rückende Romantik wurde von der politisch engagierten, also realitätsbezogenen Strömung des Vormärz und des Jungen Deutschland abgelöst. Des Positivismus eines Realismus und Naturalismus müde, flohen die Dichter des Fin de siècle in die sogeannten „paradis artificiels". Auf das wissenschaftliche Zeitalter folgt heutzutage das angeblich postfaktische - also: in der westlichen Kultur nichts Neues.

So lange die menschliche Realität aus Geist und Gefühl besteht, so lange wird die Realität per se postfaktisch sein. Wie bereits erwähnt, besteht die menschliche Wahrnehmung vor allem aus einer Reaktion auf äußere Begebenheiten. Sie ist dahingehend postfaktisch, dass sie auf Fakten reagiert, insofern reaktionär. Und gerade dieses Phänomen ist heutzutage klar und deutlich festzustellen: „Thus Putin's internet-troll armies sell dreams of a restored Russian Empire and Soviet Union; Trump tweets to ‚Make America Great Again‘; Brexiteers yearn for a lost England on Facebook; while ISIS's viral snuff movies glorify a mythic Caliphate."15 Das postfaktische Zeitalter spiegelt keinen tiefgreifenden politischen Wandel wider, sondern eine verklärte Sehnsucht nach vergangenen Zeiten - eine Haltung, die sich genau wie die Historie stets wiederholt. Dass Menschen der Irrationalität unter gewissen Umständen verfallen, ist nichts Neues, denn diese Haltung hat über Jahrhunderte hinweg religiösen Institutionen und politischen Systemen die Macht gesichert.

Postfaktisch - Unwort des Jahres?

Erstaunlich ist letzten Endes, dass dem Begriff postfaktisch das widerfährt, was es selbst zu kritisieren scheint. Das Wort liegt in Allermunde, wird quasi vermarktet, scheint auf alles zuzutreffen. So schreibt Matthias Heine: „Neulich sagte einer meiner Bekannten über einen Freund, dass dieser sich postfaktisch kleide - er ignoriere die Wahrheiten des Körpers."16 Der doch zum Teil leichtsinnig benutzte Begriff schafft ein Stimmungsbild, eine Atmosphäre, und zwar der allgemeinen Verunsicherung, des Kontrollverlusts und einer angsteinflößenden Irrationalität. Eine Lüge, die enthüllt wird und postfaktisches Verhalten bestätigt, wird in rasanter Schnelligkeit im Netzwerk hochgespielt und gebiert neue Halbwahrheiten. Somit ist postfaktisch ein Neologismus, der es geschafft hat, Realität zu gestalten, ohne Realität zu sein. Er geistert in allen Köpfen, zerstört Vertrauen und Sicherheit. Und einem Begriff, der auf postfaktische Art und Weise für Stimmung sorgt, gebührte wohl eher der Titel des Unwortes des Jahres.

Claude Heiser

 

1. www.gfds.de, zuletzt eingesehen am 25.2.2017.
2. Ebd.
3. Nietzsche, Friedrich: Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, in: Ders.: Werke in drei Bänden, hrsg. v. Karl Schlechta, München 1954, Bd. 3, S. 903.
4. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Vgl. Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, 5.6, in: Ders.: Werkausgabe, neu durchgesehen von Joachim Schulte, Bd.1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M. 1984, S.67. (=stw 501)
5. Nietzsche: Die Freiheit des Willens und die Isolation der Fakta, in: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, Bd. II: Der Wanderer und sein Schatten, in: Ders.: Werke in drei Bänden, hrsg. v. Karl Schlechta, München 1954, Bd. 1, S. 879.
6. Hofmannsthal, Hugo von: Ein Brief, in: Ders.: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden, hrsg. v. Bernd Schoeller, in Beratung mit Rudolf Hirsch, Bd. 7: Erzählungen. Erfundene Gespräche und Briefe. Reisen, Frankfurt a. M. 1979, S. 465.
7. Bär, Jochen A.: Postfaktisch, in: www.gfds.de, zuletzt eingesehen am 25.2.2017.
8. Pomerantsev, Peter: Why we're post-fact, in: Granta. The Magazine of New Writing (https://granta.com/why-were-post-fact/, zuletzt eingesehen am 25.2.2017).
9. Vgl. den Gründer der Geisteswissenschaften Wilhelm Dilthey, dem zufolge „die Naturwissenschaften bestrebt [seien], ihre Gegenstände gleichsam von außen zu erklären, indem sie sie in kleinste Bestandteile zergliederten, um deren Kausalzusammenhang zu begreifen. Dagegen handle es sich bei den Phänomenen der Geisteswissenschaften um Wirkungszusammenhänge, deren komplexe Strukturen nicht auf letzte Einheiten rückführbar sind. Man müsse sie daher von innen verstehen." Vgl. Leiteritz, Christiane: Hermeneutik als Methode der Geisteswissenschaften: Dilthey und die Geistesgeschichte. Exkurs zu Werkimmanenz, New Criticism, explication de texte, in: Sexl, Martin (Hrsg.): Einführung in die Literaturheorie, Wien 2004, S.137.
10. Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie, 8, in: Unzeitgemäße Betrachtungen, Zweites Stück, in: Ders.: Werke in drei Bänden, hrsg. v. Karl Schlechta, München 1954, Bd. 1, S. 264).
11. Pomerantsev, Peter: Why we're post-fact, in: Granta. The Magazine of New Writing (https://granta.com/why-were-post-fact/, zuletzt eingesehen am 25.2.2017).
12. § 286 (1) ZPO - Freie Beweiswürdigung, in: www.dejure.org, zuletzt eingesehen am 26.2.2017.
13. Ebd.
14. Vgl. Fraser, Nelson: They won't admit it in Stockholm, but Donald Trump is right about immigration in Sweden, in: The Telegraph, 23.2.2017 (www.telegraph.co.uk, zuletzt eingesehen am 25.2.2017). Über Trumps Aussage, was am Abend zuvor in Schweden geschehen sei, schreibt Fraser: „But he was wrong: nothing of note had happened that night. His mistake was used by much of the Swedish media (and politicians) to slate him, as if he concocted the whole idea of an immigration problem." Fraser liefert anschließend eine Reihe von Beispielen, die belegen, dass Schweden in der Tat zu viele Asylbewerber aufgenommen hat und somit mit erheblichen Problemen konfrontiert wird. Fraser kommt nach der Beschreibung dieser Probleme zur Schlussfolgerung: „These issues all fit a certain description. They stem from Sweden's decision to take larger numbers than it could cope with, leading to problems that were once never thought possible. It will pain the Swedish government to admit it. But on this point, at least, Donald Trump was right."
15. Pomerantsev, Peter: Why we're post-fact, in: Granta. The Magazine of New Writing (https://granta.com/why-were-post-fact/, zuletzt eingesehen am 25.2.2017).
16. Heine, Matthias: Was Sie über das „Wort des Jahres" wissen müssen, in : Welt N24, 9.12.2016 (https://www.welt.de/kultur/article160136912/Was-Sie-ueber-das-Wort-des-Jahres-wissen-muessen.html, zuletzt eingesehen am 25.2.2017).

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