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Von der Rolle des Staates in der Wirtschaft

CFL

Entscheidend für Vollbeschäftigung, Wachstum und Wohlstand.

Vom Staat erwarten wir nicht nur, dass er seine Bürger und deren Eigentum mit Armee, Polizei und Staatsanwaltschaft schützt, eine Funktion für die Ferdinand Lassalle im 19. Jahrhundert den Begriff des „Nachtwächterstaates“ prägte, und dass er als Sozial- und Wohlfahrtsstaat eine gewisse gesellschaftliche Gerechtigkeit schafft und die gravierenden Lebensrisiken der Menschen zumindest materiell abfedert. Darüber hinaus  muss er auch die Lebensqualität der Einwohner sicherstellen und ein attraktives Arbeitsumfeld für die Gewerbetreibenden schaffen mit einer effizienten Verwaltung, einer verlässlichen Justiz, einer angemessenen Gesetzgebung, ausreichenden und funktionierenden Infrastrukturen und optimalen öffentlichen Dienstleistungen.

Hüter und Promotor

Im 21. Jahrhundert verlangt man auch vom Staat, aktiv in das Wirtschaftsleben einzugreifen, um wenn notwendig nach dem Rechten zu sehen, und dies nicht nur punktuell und vorübergehend, etwa um bei einer schwachen oder einer zu rasanten Konjunktur die Nachfrage anzuschieben oder abzubremsen, also volkswirtschaftlich beispielsweise gegen Arbeitslosigkeit oder Inflation anzukämpfen. Dies ist erforderlich, um das evidente Fehlverhalten der Märkte ständig auszubügeln, weil diese nicht so sinnvoll und wohltuend funktionieren, wie es die ultraliberalen Supporter des „freien Marktes“ behaupten.

Was das Funktionieren der Privatwirtschaft betrifft, reicht es auch definitiv nicht aus, dass die Politik bloß den allgemeinen Rahmen absteckt und einige Leitplanken am Wegesrand errichtet, also die wesentlichen gesetzlichen Spielregeln definiert und durchsetzt, etwa für Arbeitnehmerrechte und den fairen Wettbewerb sowie Konsumenten-, Patienten- und Sparerschutz, Umwelt-Standards und dergleichen mehr. Vielmehr muss der Staat darüber hinaus auch durch ein aktives wirtschaftlich-finanzielles Eingreifen das Gemeinwohl verteidigen gegen die Partikularinteressen der hemmungslosen Profitmacher.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde zudem immer offensichtlicher, im Rahmen des gnadenlosen globalen Wettbewerbs, der generellen europäischen Harmonisierung und eines wachsenden Protektionismus seitens der größten Volkswirtschaften der Erde, welch wesentliche Rolle dem Staat zukommt bei der Verteidigung der nationalen Volkswirtschaft und ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Dynamik im Konkurrenzkampf

Wenn unser kleines Land heute ökonomisch und deswegen auch sozial besser dasteht als seine Nachbarn und Konkurrenten, dann beruht dies offensichtlich auf einer höheren Produktivität der Unternehmen, welche – und dies ist unbestritten – hierzulande ein günstigeres Arbeitsumfeld vorfinden und einen attraktiveren Empfang für interessierte ausländische Unternehmen, Investoren und qualifizierte und talentierte Arbeitskräfte.

Sprechen wir es doch klar aus: Die allermeisten der wesentlichen Standort-Vorteile des Arbeitsplatzes Luxemburg sind nicht irgendeinem Zufall zu verdanken. Sie wurden vielmehr zielstrebig geschaffen, im Wesentlichen durch den Luxemburger Staat, durch gemeinsame Anstrengungen einer ganzen Nation über Jahrzehnte hinweg, und nicht zuletzt durch die Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit, den persönlichen Einsatz, die Flexibilität und den Fleiß der öffentlich Bediensteten dieses Landes.

Wenn wir dies hier so ausdrücklich hervorheben, geht es dabei nicht darum, die persönlichen Verdienste von einzelnen nationalen Politikern oder von vielen Unternehmern und Investoren aus dem Ausland zu schmälern. Insgesamt müssen hier in der Tat viele Anstrengungen ineinandergreifen, um die wirtschaftlichen Strukturen ständig zu verbessern und die Voraussetzung zu schaffen und zu erhalten für einen nachhaltigen sozialen Fortschritt.

Trümpfe ausgespielt

Gewiss, die geographische Lage im Herzen Europas (in einem Radius von 500 km werden 40% des Mehrwertes der EU erzeugt und 60% in einem Radius von 700 km) ist ein wichtiger Vorteil, an dem kein Luxemburger einen persönlichen  Verdienst beanspruchen kann. Aber auch dieser Trumpf sticht nur wegen ausgezeichneter Anbindungen an das Ausland und einer optimalen ökonomisch-kulturell-politischen Vernetzung.

Beruhte nicht die extreme Armut unseres Landes bis 1850 gerade auf dem Umstand, dass wir inmitten des Kontinents total isoliert geblieben sind, mangels ordentlicher Infrastrukturen und ohne solide staatliche Institutionen? Erst die Integration in größere grenzüberschreitende Wirtschaftsräume sowie überregionale Straßen und Bahnlinien und ein embryonales Kreditwesen erlaubten es, dieses Handikap nach und nach zu überwinden.

Gesellschaftlicher Konsens, sozialer Frieden, politische Stabilität, finanzielle Solidität, eine proaktive und vielsprachige Verwaltung und eine unbestechliche Justiz waren und bleiben die Garanten unserer Erfolgsstory. Diese brauchte selbstverständlich als Voraussetzung auch den großen europäischen Markt, doch dessen Möglichkeiten haben die Luxemburger offensichtlich viel zielstrebiger und erfolgreicher ausgenutzt als die meisten ihrer Partner, einmal abgesehen vielleicht von den Iren und, neuerdings, den Esten.

Beharrliche Anstrengungen

Wären nicht in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, durch transatlantische Umstände bedingt, die Kapital- und Geldmärkte für die Euro-Dollars und Euro-DM entstanden, dann hätte natürlich auch der internationale Banken- und Wertpapierplatz Luxemburg nicht entstehen können. Doch als sich diese Chance damals präsentierte, wurde sie prompt ergriffen, und in der Folge wurden unzählige Ausbaugelegenheiten im Finanzbereich konkret genutzt.

So konnte das Anfangs zarte Pflänzchen über Jahrzehnte hinweg gepflegt und verhätschelt werden mit zig Gesetzesnovellen auf allen erdenklichen Gebieten, wobei die Banker und Versicherer und ihr Umfeld in den Beraterkabinetts und Anwaltskanzleien ständig neue Entwicklungsperspektiven aufstöberten, welche dann fachgerecht von unserem Gesetzgeber und den zuständigen Verwaltungen zu neuen lukrativen Geschäftsfeldern ausgebaut wurden.

Es war dann schon eine gesetzgeberische Spitzenleistung, wie Luxemburg sich rund 20 Jahre später den Großteil des europaweiten Geschäftes mit den Investmentfonds sicherte, bevor die übrigen EU-Staaten überhaupt begriffen hatten, dass es hier eine Chance zu ergreifen gab. Und dann hat man, nach dem durchschlagenden Erfolg der Publikumsfonds mit EU-weiter Zulassung, darauf aufbauend eine lange Liste neuer erfolgreicher Geschäftsideen folgen lassen, von den sogenannten Spezialfonds bis zu allen erdenklichen Finanzierungs-Instrumenten, Strukturen und sonstigen Lösungen.

Dabei hat die fortschreitende europäische Harmonisierung (aber beispielsweise auch die Währungsintegration mit dem Euro) bestehende Standortvorteile schrumpfen oder ganz verschwinden lassen, bei uns mehr noch als anderswo. Damit aber konnten wir leben, weil parallel dazu auch ständig neue exportorientierte Geschäfts-Gelegenheiten geschaffen oder ermöglicht wurden, welche das kleine, aber anpassungsfähige Großherzogtum nutzen konnte durch gesetzgeberische, reglementarische und aufsichtsrechtliche Maßnahmen.

Staat als mutiger Vorreiter

Dieses Offensein für neue ungewohnte Geschäftsmodelle, dieses ständige Lauern Luxemburgs auf Chancen, die letzten Entwicklungen aufzugreifen und neu entstehenden Bedürfnissen internationaler Kunden Rechnung zu tragen, wird immer wieder von ausländischen Fachleuten hervorgehoben und gelobt. Bei unseren Verwaltungen gelten neue Ideen und Initiativen nicht als suspekt, sondern als prüfenswert, weil man hier verstanden hat, dass es zuweilen gilt, der Zukunft vorzugreifen, um sich so den Vorteil des „First Mover“ zu sichern.

So erlaubt unsere Gesetzgebung jetzt, genau wie die amerikanische, vom nationalen Territorium aus gewerbliche Tätigkeiten im Weltall zu unternehmen, deren Rechtmäßigkeit völkerrechtlich noch nicht eindeutig abgesichert ist. Wenn aber unser Staatsrat deswegen meinte, die Regierung handle hier eher voreilig, so belegten unsere Traditionshüter dabei lediglich ihr mangelhaftes historisches Gedächtnis. Denn vor 30 Jahren stieß Luxemburg mit dem Astra-Projekt nicht bloß in ähnliche juristische Grauzonen vor, sondern es verstieß dabei ungeniert, ganz offen und frontal, gegen mehrere formale internationale Regeln und Abmachungen, und man sprach von einem „Satellitenkrieg“. Aber noch vor der Inbetriebnahme unseres ersten Erdtrabanten waren diese scheinbaren Verstöße gegen archaische Vorschriften bereits vergessen.

Selbstverständlich müssen zukunftsträchtige Projekte, um solide und nachhaltig zu sein, auch in juristischer Hinsicht schlüssig und wasserdicht gestaltet werden. Wenn aber im Wettrennen der Nationen unsere legalistischen Bedenkenträger immer behäbiger und langsamer vorgehen, und jedes Gefühl für die Zeit und für die beschleunigte Geschwindigkeit der elektronischen Welt verlieren, dann riskiert Luxemburg, künftig manche Entwicklungschancen zu verpassen und sich zurück zu entwickeln, besonders bei den Finanzdiensten, wo die Konkurrenz zwischen Standorten immer heftiger wird.

Staat als Risikoträger

Die Stützen unseres Wohlstandes beruhen nämlich nicht auf ererbten und abgesicherten Pfründen, auf sogenannten „rentes de situation“, sondern in erster Linie auf einem flexiblen Staatsapparat, der das ständige Neuerfinden unseres Erfolgs aktiv mitsteuert. Administrative Hürden und bürokratischer Wust wirken hier schnell tödlich: Dessen sollte man sich bewusst bleiben.

Ohne eine explizite staatliche Initiative zum Astra-Projekt (mit einer gehörigen Portion finanzieller Risikobereitschaft) wäre Luxemburg heute nicht in der Satellitenkommunikation der führende „Global Player“, mit offensichtlichen Perspektiven auf weitere Geschäftsentwicklungen im Weltall. Und jene Investoren, welche unser Staat bei diesem Husarenstreich in den 80er Jahren nach Luxemburg locken konnte, haben hier in den Folgejahren Generationen von internationalen Projekten im Telekom- und Medienbereich lanciert.

Vom damaligen Astra-Erfolg führt eindeutig eine direkte Linie nicht bloß zu den Firmen der heutigen Weltraum-Industrien in Luxemburg, sondern auch zu den hier ansässigen amerikanischen Internetakteuren, den großen Datenzentren und den neuesten Asteroiden-Hoffnungen. Von wesentlicher Bedeutung sind hier die Beständigkeit der Anstrengungen und die Kontinuität der Strategie.

Staat als Pionier

Und natürlich hätte sich Luxemburg nicht so solide aufstellen können bei den grenzüberschreitenden Datenautobahnen und den exportorientierten „Data Centers“, wäre nicht irgendwann die öffentliche Hand mit hohen Investitionen in Vorleistung gegangen, lange bevor eine rentable Auslastung gesichert war.

Die Liste konkreter Beispiele erfolgreicher staatlicher Initiativen könnte man noch weiterführen, aber die Schlussfolgerung ist inzwischen klar. Entscheidend für die wirtschaftliche und somit die soziale Zukunft des Landes ist das ebenso unermüdliche wie kluge Wirken des Staates. Wir sind somit meilenweit entfernt von den stupiden Karikaturen der vereinigten Patronatsvertretungen und ihren Clichés vom angeblich so trägen, schwerfälligen und unproduktiven Staat als eine unerträgliche Belastung für den angeblich allein produktiven Privatsektor.

Zu keinem Zeitpunkt waren es Fedil-Barone oder sonstige reiche Industrie-erben, welche Luxemburg als „Gateway to Europe“ positioniert hätten für elektronische Unternehmen anderer Kontinente, sondern es waren stets ausschließlich staatliche Initiativen und das durch sie geschaffene günstige Umfeld. Heute kann allerdings lobend hervorgehoben werden, dass der Staat derzeit beim Anlocken von ausländischen Start-Ups auf die Mitarbeit diverser privater Unternehmen zählen kann. Dass diese dabei nicht aus altruistischen Motiven heraus handeln, ist gewiss evident, aber auch durchaus legitim.

Öffentlicher Produktivitätsmotor

Wir verdanken es keineswegs einer langen Serie von glücklichen Zufällen, sondern vielmehr einem andauernden und zielstrebigen Handeln des Staates, dass unser Land sowohl gesamtwirtschaftlich wie in so manchen Spitzensektoren seinen europäischen und weltweiten Partnern und Konkurrenten vorauseilen konnte. Im weltweiten Vergleich hat uns dies bei der Produktivität an die Spitze aller Staaten gebracht, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner oder pro Erwerbstätigen, und es hat ein langjähriges Wirtschaftswachstum gebracht mit sozialem Fortschritt und einem steigenden Wohlstand.

Natürlich hat das Land mit dem AAA-Label dabei auch seine Schwächen, die vom täglichen Verkehrsinfarkt bis zur Preisinflation des Baugrundes reichen. Diese Übel sind aber nicht bedauerliche und unvermeidbare Begleiterscheinungen des anhaltenden Wachstums, sondern es sind die Konsequenzen der hartnäckigen Unbelehrbarkeit von Politikern aller Couleur, die unfähig waren und bleiben, rechtzeitig die demographischen Folgen des ökonomischen Erfolges zu erkennen und einzuplanen, obschon diese von vorneherein absolut evident sind.

Positiv hervorzuheben bei der erfolgreichen Vorwärts-Strategie des Landes ist die Tatsache, dass unser Staat sich zu keinem Zeitpunkt seiner historischen Möglichkeiten berauben ließ, die erforderlich sind, um handlungsfähig zu bleiben und um autonom und erfolgreich agieren zu können. Es sind dies seine Finanzautonomie und seine Kontrolle über die grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen und deren Infrastrukturen.

Leistungsfähiger Staat

Alle bisherigen Regierungen haben durch eine traditionell seriöse Budgetpolitik sich eine robuste finanzielle Ausgangsbasis gesichert und sie blieben auch in Krisenzeiten handlungsfähig, weil sie sich der Forderung nach dem „schlanken Staat“ widersetzt hatten, weil sie erkannt hatten, dass dessen interessierte Befürworter sich in Wirklichkeit einen „schwachen Staat“ wünschten.

Vor allem hat unser Staat sich nicht dazu hinreißen lassen, seine öffentlichen Dienstleistungsbetriebe an privatwirtschaftliche Profitmacher zu verscherbeln. Dabei hat es wahrlich nicht an Rufen zugunsten von Privatisierungen und Deregulierungen gefehlt, seitens der interessierten Finanzspekulanten und der turboliberalen-ultrakonservativen Lobbyisten unter den Patronatsvertretern. Dazu kamen ein entsprechender Druck durch die angelsächsisch-kapitalistischen Supporter auf EU-Ebene und eine pseudo-wissenschaftliche Begleitmusik ideologischer Think-Tanks mit offener oder versteckter Finanzierung durch gewisse Patronatskreise.

Dass unsere Politiker diesen Sirenen-Gesängen im Wesentlichen nicht gefolgt sind, verdankt das Land wohl vor allem der Tatsache, dass die CGFP als starke Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes den erforderlichen Gegendruck erzeugt hat.

So behielt der Luxemburger Staat, im Gegensatz zu jenen anderer Länder, seine verlässlichen öffentlichen Dienstleistungen in der eigenen Hand, wenngleich in jüngster Zeit hier Verantwortliche eingeschleust wurden, die wenig am Hut haben mit dem Dienst am Bürger und dem Respekt der motivierten, engagierten Mitarbeiter, dafür aber oft bedauerliche privatwirtschaftliche Manager-Allüren an den Tag legen.

Im Dienste des Landes

Dabei ist die ständige Qualität und die permanente Weiterentwicklung von erstklassigen öffentlichen Dienstleistungen von höchster Bedeutung, nicht nur, wenn es um die Sicherheit und die Lebensqualität der Einwohner des Landes geht, sondern auch bezüglich der Standortvorteile des Arbeitsplatzes Luxemburg im internationalen Wettbewerb um Investoren, Unternehmer und Talente. Denn die öffentlichen Dienstleistungen unseres Landes sind ja in der Regel lebenswichtige Lieferungen und grundlegende Infrastrukturen.

Ohne den Staat als Förderer mit seinen Technoport- und Inkubator-Initiativen und mit Forschungs-Subventionen nebst Uni-Gründung, wären wir auf den entscheidenden Gebieten, wie etwa bei ePayment, Fintech, Blockchain und ähnlichen Entwicklungen einfach nicht dabei, und wir würden deswegen bereits in wenigen Jahren einen wirtschaftlichen Rückgang erleben.

Egal, ob man High-Tech-Fabriken oder große Rechenzentren bei uns ansiedeln will, immer kommt es in einem entscheidenden Ausmaß auf verfügbare Netzkapazitäten und günstige Tarife an, bei Elektrizität, Gas und Breitband-Anschlüssen, und auf die Geschwindigkeit, mit der man eventuell noch fehlende oder ungenügende Infrastrukturen schaffen oder ausbauen kann.

Wenn der Staat diesbezüglich jedes Mal mit privaten Dienstleistern verhandeln müsste, welche nur ihrer eigenen Rentabilität und nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sind, dann stände er wohl meistens auf der Verliererseite. Bei ihrer Kosten/Nutzen-Rechnung müssen öffentliche Dienstleister unbedingt einer volkswirtschaftlichen und nicht einer betriebswirtschaftlichen Logik folgen. Ihr Ziel ist es schließlich, dem Land optimal zu dienen, und sie dürfen daher nicht als eine Möglichkeit zum Profitmachen missbraucht werden.

Auf Abwegen

Es ist daher eine perverse Einstellung, wenn an entscheidenden Stellen geglaubt wird, die öffentlichen Dienste sowie die staatlichen Unternehmen, die mit ihnen betraut sind, hätten als Ultima Ratio, jährliche Profite auszuweisen und dem Finanzminister Dividenden abzuliefern. Es ist nicht hinnehmbar, wenn allein zu diesem Zweck die Dienste am Bürger zurückgeschraubt werden, Murks bei den Mitarbeitern organisiert wird und die Tarife der Basisdienste angehoben werden. Eine derartige kurzfristige Profitorientierung, die von der Politik mitgetragen wird, mitsamt allen Strategien, die damit einhergehen, sind schlicht und einfach soziale Fehlentscheidungen.

Sehr lobenswert ist hingegen die Dynamik, mit welcher die Arbeitsbereiche der öffentlichen Dienstleister ausgeweitet werden, um den neuen Bedürfnissen des Landes gerecht zu werden, in einer sich schnell wandelnden Welt mit enormen technischen Innovationen. Die wachsende Bevölkerung des Landes und die neuen Unternehmen decken weiterhin ihren Bedarf in den Bereichen Kommunikation, Energie und Transport bei den führenden Staatsbetrieben ab.

Um zu sehen, wo dabei zusätzliche Jobs entstehen, genügt ein Blick auf die Liste der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Da finden wir dann für mehrheitliche oder ganz vom Staat kontrollierte Unternehmen und Betriebe folgende Beschäftigten-Zahlen: Post: 4.350, CFL: 4.170, Luxair: 2.630, Sparkasse: 1.810, Cargolux: 1.400, Encevo (Créos-Enovos): 990, LIST (angewandte Forschung) 540.

Zusätzliche Ansprüche

Wenn wir von den vitalen Infrastrukturen für die moderne Wirtschaft sprechen, dann bezieht man sich nicht bloß, wie noch vor 50 Jahren, auf Straßen und Schienen, Brücken und Tunnels, Wasser, Strom und Gas oder Anlagen zur Müllverbrennung und zur Abwasserklärung, sondern es geht nun zusätzlich auch  (bei den traditionellen, „materiellen“ Infrastrukturen) um Daten-Autobahnen, Internet-Hubs und Rechenzentren, um Landepisten und Passagierhallen, um Cargo-Terminals, intermodale Bahnhöfe und Logistikhallen, um Satelliten-Bodenstationen und beim Personentransport um große Auffang-Parkplätze, aber auch beispielsweise um die lokale Produktion erneuerbarer Energien, damit wir bei der Stromversorgung des Landes möglichst autark bleiben können.

Und für die Attraktivität eines internationalen Wirtschaftsstandortes sind noch andere Faktoren von Bedeutung, vor allem die Ansprüche der erforderlichen hochqualifizierten Mitarbeiter, welche potentielle Investoren in der Lage sein müssen zu überzeugen, nach Luxemburg umzuziehen. Und deren Erwartungen sind, abgesehen vielleicht von internationalen und fremdsprachigen Schulen, eher deckungsgleich mit jenen der alteingesessenen Luxemburger.

Unentbehrliche nationale Infrastrukturen, die der Staat bereitstellen muss, sind daher auch unsere Freizeit- und Sportanlagen sowie attraktive Kulturstätten mitsamt ihrem Programmangebot. Da geht es auch, neben dem „Night-Life”-Angebot, um die Qualität des Gesundheitssystems, der Kinderbetreuung, der Altenpflege etc. Und auf dem Gebiet von Gesundheit und Kultur sind die wichtigsten baulichen Voraussetzungen ja auch alle öffentlich finanziert, von den Kliniken bis zu den Altenheimen, und von der Coque über die Rockhal bis zur Philharmonie und den Museen.

Was der Lebensqualität der Bürger dient, trägt also auch nachhaltig zur Attraktivität des Wirtschaftsstandortes bei. Und dabei gründen die deutlichsten bestehenden Schwachstellen auf den ärgsten Versäumnissen unseres Staates, dem Unvermögen also, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen und für den Weg zur Arbeit einen funktionierenden Personennahverkehr sicherzustellen, nicht zuletzt mit einem attraktiven öffentlichen Transport, wo immer dies möglich ist.

Statt mit großer Energie diese ernsthaften und konkreten Probleme von heute anzugehen und zu lösen, schwadroniert man über eine fiktive Rentenmauer von übermorgen, indem man statistisch mit den unrealistischsten Fortschreibungen jongliert. Es ist müßig, heute ergründen zu wollen, in welchem Jahr genau wir die Grenze von einer Millionen Einwohner erreichen könnten, wenn wir beharrlich die Tatsache verdrängen, dass wir bereits in zwei bis drei Monaten – und das ist jetzt kein Schreibfehler! – das Niveau von 600.000 Einwohner überschreiten werden.
Standortfaktor Lebensqualität

Und wenn es um die Bedürfnisse und Erwartungen neuer und bestehender Unternehmen geht, so sind die immateriellen Infrastrukturen, auf welche es ankommt und an welche die höchsten Ansprüche gestellt werden, die tagtäglichen öffentlichen Dienstleistungen der nationalen Verwaltungen und Aufsichtsbehörden sowie deren Verlässlichkeit und Flexibilität und die „Up-To-Date“-Qualitäten der geltenden Gesetzgebung.

Kurz und gut: Die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes hängt entscheidend ab von seiner wichtigsten Infrastruktur, dem Staatsapparat und von dessen konkreter Handlungsmöglichkeit. Und so schließt sich der Kreis: Die ökonomischen Anliegen decken sich weitgehend mit den menschlichen, und die Erfordernisse des Produktionsstandortes entsprechen den Wünschen der Bevölkerung nach mehr Lebensqualität.

In diese Infrastruktur sollte man daher resolut investieren, statt sich verkrampft um eine Null-Staatsschuld zu bemühen oder Barreserven anzuhäufen. Wir müssen die Zukunft unserer Kinder und Enkel durch einen attraktiven Lebensraum und durch robuste Arbeitsplätze absichern.

Wenn wir dies versäumen, dann können wir uns nicht loskaufen mit einigen Millionen oder Milliarden Euro in irgendeinem staatlichen intergenerationellen Sparstrumpf.    

Paul Zimmer

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