CGFP CGFP - Confédération Générale de la Fonction Publique 24/11/2017 03:39
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Schutz vor psychosozialen Risiken im öffentlichen Dienst

Deprim

Arbeit kann krank machen – auch im öffentlichen Dienst. Seit einem Jahr können die öffentlichen Bediensteten in Luxemburg professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um sich besser vor psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz zu schützen. Der „service psychosocial“ ist vor allem im präventiven Bereich tätig und soll demnächst personell aufgestockt werden.

Psychosoziale Risiken stellen, was Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz betrifft, eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar. Sie können sich negativ auf die Psyche auswirken (Depressionen, Angsterkrankungen…), den Körper (Muskel-Skelett Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen…), und das Arbeitsverhalten (Motiva-tionsverlust, Leistungsabfall, Alkoholsucht...). WHO-Schätzungen zufolge wird weltweit bei jedem vierten mindestens einmal im Leben eine psychische Krankheit festgestellt.

Übermäßige Arbeitslast, eine mangelnde Einbeziehung von Arbeitnehmern im Entscheidungsprozess sowie Mobbing oder eine geringe Wertschätzung der geleisteten Arbeit sind nur einige der Faktoren, die die psychosozialen Risiken im Job fördern.

Obwohl der Staat gemäß internatio-naler Vorgaben dazu verpflichtet ist, den psychosozialen Gefahren im öffentlichen Dienst vorzubeugen, wurde die Bekämpfung dieses Phänomens jahrelang sträflich vernachlässigt. „Bei Amtsantritt von Minister Dan Kersch gab es keinen Aktionsplan zur Prävention“, betont Paulette Lenert, Erste Regierungsrätin im Ministerium für den öffentlichen Dienst, gegenüber dieser Zeitung.

Schaffung eines Kompetenzzentrums

Vor den Sommerferien wurde ein Gesetzentwurf auf den Instanzenweg gebracht, der die Schaffung eines Kompetenzzentrums vorsieht, in dem alle staatlichen Verwaltungen zusammengeführt werden, die für Sicherheit, Gesundheit und Lebensqualität am Arbeitsplatz zuständig sind. Ziel ist es, die stark verzahnten Fachkenntnisse unter der Aufsicht einer gemeinsamen Direktion zu bündeln. Im Ministerium für den öffentlichen Dienst hofft man, dass das entsprechende Gesetz noch vor Ende der Legislaturperiode verabschiedet werden kann.

Da jedoch bei der Vorbeugung von psychosozialen Risiken im öffentlichen Dienst dringender Handlungsbedarf bestand, war man sehr darum bemüht, die bestehende Lücke rasch zu schließen. Vor rund einem Jahr nahm der „service psychosocial“ seine Arbeit auf. Die Anlaufstelle soll zu einem späteren Zeitpunkt in die neue Verwaltung eingegliedert werden. „Wir tragen dazu bei, dass es beim Staat und im Kommunalsektor immer weniger Mitarbeiter gibt, denen es aufgrund ihrer Arbeit schlecht geht“, unterstreicht Dr Mareike Bönigk, die Leiterin des psychosozialen Dienstes.

Ziel ist es, die psychosozialen Risiken zu minimieren und den Bediensteten zu helfen, die in akuten Schwierigkeiten psychosozialer Natur sind. „Wir arbeiten nicht auf eine ideale Welt hin, das wäre unrealistisch. Es geht darum, Ziele festzulegen, die umsetzbar sind. Eine Person, die privat schwer belastet ist, hat andere Bedürfnisse und Ressourcen in Bezug auf die Arbeit, als eine Person, bei der privat alles stimmt – und umgekehrt.“

Vorbeugung ist oberstes Gebot

Bei seiner Vorgehensweise hat sich der psychosoziale Dienst die Prävention auf die Fahne geschrieben. Zunächst geht es darum, die öffentlichen Bediensteten mittels Konferenzen mit allen Aspekten der Lebensqualität am Arbeitsplatz vertraut zu machen. Des Weiteren werden in Zusammenarbeit mit dem INAP („Institut national d’administration publique“) mehrere Schulungen angeboten.

Eine davon richtet sich vorwiegend an die Leiter der Personalabteilungen. Sie erhalten Tipps zur Vermeidung von psychosozialen Risiken. Die restlichen Schulungen richten sich an ein breiteres Publikum. Die Teilnehmer werden aufgeklärt, wie man feststellt, ob ein Arbeitskollege an einer psychischen Erkrankung leidet oder nicht.
Eine weitere Schulung betrifft die psychologische Ersthilfe, das heißt, wie sich die Mitarbeiter in dem Fall verhalten sollen, wenn sich ein Kollege am Arbeitsplatz in akuter seelischer Not befindet. Die Initiativen stoßen auf ein reges Interesse. Sämtliche Schulungen, die dieses Jahr stattfinden, sind bereits restlos ausgebucht. Zurzeit wird das Programm für das kommende Jahr aufgestellt.

Aufwendige Studie zur Lebensqualität

Eine weitere Aufgabe des neu geschaffenen Dienstes besteht darin, die psychosozialen Risiken in den jeweiligen Ministerien und staatlichen Verwaltungen zu analysieren. Zunächst geht es darum, die Probleme ausfindig zu machen, um anschließend spezifische Maßnahmen in die Wege zu leiten. Derzeit gebe es noch zu wenige Daten, um bereits erste Schlüsse für den gesamten öffentlichen Dienst zu ziehen, räumt Bönigk ein.

Mehr Aufschluss erhofft man sich von einer flächendeckenden Umfrage zum Thema Lebensqualität, die zusammen mit der Universität Luxemburg ausgearbeitet und im gesamten öffentlichen Dienst durchgeführt wurde. Die mit Spannung erwarteten Ergebnisse der TNS-Ilres-Umfrage liegen derzeit noch nicht vor, sollen aber noch vor Jahresende veröffentlicht werden.

Der „service psychosocial“ ist zudem auch im Bereich der sogenannten tertiären Prävention tätig. Staats- sowie Kommunalangestellte, die zur Erkenntnis gelangen, dass sie psychologische Hilfe benötigen, um einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation zu finden, können sich unter der Telefonnummer 247 73 100 an die Experten wenden. Dabei handelt es sich nicht um eine Hotline, die rund um die Uhr erreichbar ist. Bei Anrufen außerhalb der Bürostunden verweist der psychosoziale Dienst auf das Sorgentelefon und die Onlineberatung von SOS-Détresse.

Streng vertraulich

Die Gespräche werden strengst vertraulich behandelt, versichert Mareike Bönigk. Die Psychologen unterliegen dem Berufsgeheimnis. Eine Ausnahme gilt lediglich, wenn das Leben der betroffenen Person oder das anderer Menschen gefährdet ist. In diesem Fall greift eine Prozedur, die das Leben der Betroffenen schützt.

„Sobald sich eine Person auf Anraten ihres Chefs an uns wendet, bekommt der Vorgesetzte keine Rückmeldung mehr“, betont Bönigk. Somit soll die Vertraulichkeit sichergestellt werden. Ein Chef kann zwar einem Mitarbeiter raten, auf psychologische Unterstützung zurückzugreifen. Es steht ihm jedoch nicht zu, ihn dazu zu zwingen. „Der psychosoziale Dienst soll nicht als Zwangsbegutachtung, sondern als Hilfsangebot wahrgenommen werden“, fügt Paulette Lenert hinzu.

Die Gründe, warum Menschen in Kontakt mit dem psychosozialen Dienst treten, sind vielfältig. Die meisten melden sich infolge eines Konflikts innerhalb ihres Teams. Rangeleien spielen sich also weniger auf der Chefebene ab, bestätigt Mareike Bönigk. Die zweithäufigsten Fälle sind Personen, die sich in einer allgemeinen Lebenskrise befinden, deren Ursachen aber längst nicht immer rein beruflicher Natur sind.

An dritter Stelle folgen Vorgesetzte, die den Eindruck haben, dass einer ihrer Angestellten Hilfe benötigt, ohne zu wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Nicht selten nehmen auch alkohol- und drogenabhängige Personen den psychosozialen Dienst in Anspruch.

500 Einsätze

Allein in diesem Jahr griff der „service psychosocial“ rund 500 Mal ein. Dazu gehören unter anderem Telefonberatungen mit Menschen, die in einer tiefen Krise stecken, sowie die Beratung von Verwaltungen, die einer spezifischen Belastung ausgesetzt sind. Seit Jahresbeginn haben sich insgesamt 200 Personen Hilfe vom psychosozialen Dienst geholt. Frauen und Männer halten sich dabei die Waage.

Die Mehrheit der Hilfesuchenden traten aufgrund eigener Recherchen mit dem psychosozialen Dienst in Kontakt. Andere wurden von Arbeitskollegen darauf aufmerksam gemacht. Inzwischen ermutigen auch die Gewerkschaften ihre Mitglieder, das Angebot zu nutzen.

Bislang waren lediglich zwei Mitarbeiterinnen beim psychosozialen Dienst beschäftigt. Ab Oktober stößt eine dritte Psychologin hinzu. Das Team soll in den kommenden zwei Jahren durch vier zusätzliche Mitarbeiter verstärkt werden.

Keine psychotherapeutische Betreuung

Trotz dieser Personalaufstockung könne man nicht jedem Hilfesuchenden eine psychotherapeutische Betreuung anbieten, stellt die Verantwortliche des psychosozialen Dienstes klar. „Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Betroffen das Problem zu analysieren, um dann die Prioritäten für den weiteren Lösungsweg festzulegen“, so Bönigk.

Oft reiche eine gründliche Bestandsaufnahme aus, damit die Betroffenen wieder alleine klarkommen und selbstständige Entscheidungen treffen. Ist dies nicht der Fall, werden sie an Spezialisten weitergeleitet. Dabei greift man auf ein weitgespanntes Netzwerk zurück, das sich aus Psychiatern, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen, diversen Vereinigungen ohne Gewinnzwecke und Gewerkschaften wie die CGFP zusammensetzt.

Der psychologische Dienst trägt Sorge dafür, dass die beschlossenen Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt werden. Falls erwünscht – und nur dann – unterstützt das Expertenteam auch jene Personen, die nach einer psychischen Erkrankung Angst davor haben, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Hilfe wird niemandem aufgezwungen. Vorrangig ist, dass der Mitarbeiter, der krankgemeldet war, das Gesicht wahrt.

In Gesprächen mit seinem Vorgesetzten und seinen Mitarbeitern soll die Rückkehr vereinfacht werden. Außerdem erhält die Abteilung Ratschläge, wie man Frühwarnzeichen erkennt, damit nicht erneut eine Krise eintritt.

Eine Anlaufstelle für Mobbing

Der psychosoziale Dienst ist auch die Anlaufstelle für öffentliche Bedienstete, die sich gemobbt fühlen. Der Begriff „Mobbing“ stammt aus dem Englischen („to mob“, also anpöbeln, schikanieren) und das trifft den Punkt. Von Mobbing spricht man, wenn eine Person an ihrem Arbeitsplatz auf systematische Weise über mindestens sechs Monate hinweg wenigstens einmal pro Woche einer feindseligen Handlung ausgesetzt ist.

Inwiefern dieses Phänomen in den staatlichen Verwaltungen verbreitet ist, sei derzeit schwer abzuschätzen, so Lenert. Personen, die der Ansicht sind, dass sie gemobbt werden, können einen Antrag auf Schutz vor Mobbing stellen. Anschließend wird eine professionelle Untersuchung von Experten eingeleitet, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Diese Prozedur, die nur selten eintritt, wird derzeit überarbeitet. Mit deren Inkrafttreten ist nicht auszuschließen, dass mehr Mobbing-Fälle gemeldet werden als bislang. Schon jetzt ist vor der eigentlichen Prozedur eine informelle Beratungsphase vorgesehen.

Wie lässt sich überprüfen, ob das mutmaßliche Opfer tatsächlich gemobbt wird, und dass es sich nicht bloß um ein rein subjektives Gefühl handelt? Um diese Herausforderung zu meistern, führen die Experten des psychosozialen Dienstes gemeinsam mit der betroffenen Person in dieser informellen Beratungsphase eine Analyse durch.

Im Nachhinein stelle sich oft heraus, dass es sich um einen Dauerkonflikt handele, der sich lediglich verschärft habe, sagt Bönigk. Letztendlich blieben nur noch sehr wenige Fälle übrig, die wirklich in das Raster von Mobbing fallen. Diese werden dann beraten, wie sie die formelle Prozedur angehen können und werden auch während dieser weiterhin psychologisch unterstützt, wenn sie das wünschen.

Höhere psychosoziale Belastung für manche Berufsgruppen

Öffentliche Bedienstete, die in direktem Kontakt mit den Bürgern stehen, sind übrigens den psychosozialen Gefahren weitaus mehr ausgesetzt als jene, die im Büro arbeiten, unterstreicht Bönigk. Polizisten, die oft mit Personen zu tun haben, die sich in einer prekären Lage befinden, sind mit einer hohen psychosozialen Belastung konfrontiert. Gleiches gilt unter anderem auch für Lehrkräfte, Busfahrer und jene, die einen sozialen Beruf ausüben.

Ein Jahr nach seiner Gründung ist der psychosoziale Dienst vorwiegend durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt geworden. Das Ministerium verzichtete bewusst darauf, sofort die Werbetrommel zu rühren.

„In einer ersten Phase war man darauf bedacht, ein klares Konzept auszuarbeiten“, betont die Erste Regierungsrätin Paulette Lenert. Wie wird Vorbeugung definiert? Welche Dienstleistungen werden angeboten? Wie kann die Vertraulichkeit gewährleistet werden? All diese Fragen galt es im Sozialdialog zu klären. Die CGFP wurde in die jeweiligen Arbeitsgruppen eingebunden. Lenert zeigt sich erfreut, dass das Gesamtkonzept nach nur einem Jahr steht.

Das zuständige Ministerium ist darum bemüht, den Bekanntheitsgrad des psychosozialen Dienstes zu steigern. In diesem Sinne wurde Informationsmaterial erstellt. Weitere nützliche Hinweise sind auf dem Internetportal des Ministeriums verfügbar. Am 29. September wird der „service psychosocial“ den Verantwortlichen der Personalabteilungen sämtlicher Ministerien und Verwaltungen offiziell vorgestellt. 

Max Lemmer