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Lehrer müssen sich in einer immer komplexeren Welt zurechtfinden

CESI

CESI-Bildungskonferenz in Lissabon mit CGFP-Beteiligung.

In einer permanent und sich immer rascher wandelnden Welt stehen Lehrer und Lehrerinnen überall vor nie dagewesenen Her-ausforderungen. Nicht nur die Globalisierung, Digitalisierung und Radikalisierung, sondern auch die zunehmenden sozialen Spannungen machen dem Berufsstand schwer zu schaffen. Vor diesem Hintergrund fand am 22. und 23. November das CESI Akademie-Symposium „Lehrpersonal und Gewerkschaften in Europa: Horizont 2025“ in Lissabon statt. Zwei Tage lang diskutierten die Vertreter aus 14 europäischen Ländern – unter ihnen auch eine CGFP-Delegation – über Lösungen für die Zukunft. Die Ergebnisse einer Podiumsdiskussion fließen nun in ein Lehrer-Manifest ein, das an die EU-Kommission weitergeleitet wird.

In all den Jahren, in denen sich die EU im Krisenmodus befand, wurden soziale Ungleichheiten drastisch verschärft. Die Schule war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr die treibende Kraft, um allen Menschen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – dieselben Chancen zu eröffnen. 2017 setzten die politischen EU-Entscheidungsträger die Bildung wieder ganz oben auf ihre Agenda. Und das nicht ohne Grund!

Ein leistungsstarkes Bildungssystem schützt vor Arbeitslosigkeit und trägt dazu bei, die tiefen Gräben innerhalb der Gesellschaft zu überwinden. In einer Welt des digitalen Wandels und politischer Verschiebungen kommt der Bildung eine zentrale Bedeutung zu. Was brauchen Schulen jetzt? Wie sieht die Zukunft des Lehrerberufs aus? Wie können die Schulinstitutionen als gesellschaftlicher Dreh- und Angelpunkt mit den heutigen Herausforderungen Schritt halten? All diesen Themen widmete sich eine zweitägige Konferenz, die auf Betreiben der CESI, der Europäischen Union der Unabhängigen Gewerkschaften, in Lissabon stattfand. 

Unsere Gesellschaft sei derzeit mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert, betonte CESI-Generalsekretär Klaus Heeger in seiner Eröffnungsrede: zum einen die digitale Revolution, zum anderen die Radikalisierung unserer Diskurskultur. Digitalisierung mache uns frei, unabhängig, selbstständig und ermögliche blitzschnelles Agieren und Reagieren, so Heeger. Gleichzeitig schütte sie uns aber mit einer Flut an Informationen zu, ohne dabei zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Die Folgen davon seien der drohende Verlust unseres Urteilsvermögens sowie die Gefahr einer zunehmenden Verrohung der Sprache, in der Radikalisierung und gewaltbereiter Extremismus prächtig gedeihen, setzte Heeger nach.

Der Aufwind, den die radikalen Parteien zurzeit erleben, und die Radikalisierungsprozesse unter manchen Jugendlichen, würden einem vor Augen führen, dass die Schule der Zukunft sich nicht nur darauf beschränken könne, künftige Arbeitnehmer auszubilden, unterstrich Jean-Claude Halter, Präsident der CESI-Akademie Europa. Ziel müsse es sein, künftige Bürgerinnen und Bürger auch moralisch auszubilden. Dieser Denkanstoß zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Debatte. Menschen, die keine Ideale mehr verfolgen und nicht an ihre eigene Zukunft glauben, würden sich von schädlichen Ideologien beeinflussen lassen. Dieser gefährlichen Entwicklung könne man nur entgegenwirken, indem man in den Schulen versuche, ein Gleichgewicht zur Vermittlung von Fachwissen und inneren Werten zu schaffen.

Wie alle „helfenden“ Jobs bringt auch der Lehrerberuf Belastungen mit sich, die nicht selten zu psychischen und körperlichen Erschöpfungssymptomen führen. Das Leiden der Lehrer werde immer alarmierender, betonten gleich mehrere Redner. Depressionen, Burn-out und Verzweiflung würden häufig in einen Krankenstand münden. Erschwerend hinzu komme die subtile Gewalt, die in vielen Klassenräumen für Chaos sorge. Manche Lehrer würden sich sogar derart schämen, dass sie es meiden darüber zu berichten. Herrsche ein schlechtes Klima im Schulraum, lasse sich Wissen kaum vermitteln. Die politisch Verantwortlichen würden sich unterdessen oft machtlos erklären.

Die Würde der Lehrer wiederherstellen

Früher hätten Lehrer noch als Respektpersonen in der Gesellschaft gegolten. Heute jedoch wecke die Anerkennung der Arbeit, die von den Lehren ausgeht, weitaus weniger Interesse. Die Würde der Lehrer müsse deshalb wiederhergestellt werden, lautete eine der Hauptschlussfolgerung. Nur so könnten Jugendliche auf das Erwachsenenleben vorbereitet werden.

Die berufliche Zufriedenheit und der Wert, den die Gesellschaft dem Lehrerberuf zuschreibe, seien wichtige Indikatoren für all jene, die diesen Beruf ausüben. Finnland, das in Bildungsfragen als Musterbeispiel gelte, sei der einzige EU-Mitgliedsstaat, in dem der Lehrerberuf bei mehr als 50 % der Bürger sehr positiv wahrgenommen werde. Die EU-Durchschnittsquote liege jedoch unterhalb von 20 %!

Es verwundere also kaum, dass die zunehmend geringer werdende Wertschätzung des Lehrerberufs in vielen Länder inzwischen zu einem Engpass bei der Einstellung von neuen Lehrern geführt hat. In manchen Staaten zeige sich der chronische Mangel an Fachlehrern derart ausgeprägt, dass bereits die Lehrpläne abgeändert werden mussten.

Einig waren sich die Konferenzteilnehmer in Lissabon über die Notwendigkeit, die Qualität des Lehrerberufes zu verbessern, sowie dessen Attraktivität zu steigern. Die Gehälterfrage sei dabei sicherlich nicht ausschlaggebend. Sie trage jedoch dazu bei, dass viele Menschen einen anderen Beruf vorziehen. Nur in Finnland würden es die meisten Menschen bevorzugen, Lehrer zu werden, obwohl andere Berufszweige weitaus lukrativer seien. Die Erklärung dafür sei das hohe Ansehen, das Lehrer in Finnland genießen. 

Lehrerausbildung nicht vernachlässigen

Ausgerechnet im Bildungswesen sei in vielen Ländern seit Jahren nahezu kein Lohnzuwachs erkennbar. Hinzu komme, dass in der Vor- und Primärstufe die Gehälter in der Regel niedriger seien als in der Oberstufe. Diese Situation löse ein Genderphänomen aus: Die überwiegend weiblichen Lehrkräfte, die in der Vorstufe unterrichten, würden bedeutend weniger verdienen als die mehrheitlich männlichen Kollegen in der Oberstufe.

Damit der Lehrerberuf während der gesamten Laufbahn Freude bereite, reiche es nicht aus, ununterbrochen zu wiederholen, Bildung sei wichtig, hieß es übereinstimmend. Vielmehr bedürfe es einer fachlichen Qualifikation. Trotz des teilweise akuten Lehrermangels dürfe die Qualität der Lehrerausbildung nicht vernachlässigt werden. Junge Lehrer sollten gleich zu Beginn ihrer Laufbahn unterstützt werden und die Möglichkeit erhalten, ihre Kompetenzen zu erweitern. Die Einführung eines Systems, bei dem die Berufseinsteiger schrittweise Verantwortung übernehmen, sei eine Möglichkeit, den Stress junger Lehrer zu drosseln.

Auf der Fachtagung in Lissabon herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass bei der Lehrerausbildung das Gewicht allzu sehr auf den Inhalt gelegt wird, statt auf die Art, wie das Wissen vermittelt wird. Einer europäischen Studie zufolge räumen mehr als die Hälfte der befragten Lehrer ein, dass sie Mängel bei der praktischen Ausübung ihres Berufs empfinden. Das sei fast so, als ob der Pilot eines Flugzeugs den Passagieren kurz vor dem Start mitteilen würde, er sei nicht ausreichend für seinen Flug vorbereitet, bemerkte ein Redner treffend.

Digitale „Tools“ als Hilfsmittel

Die Achillesferse der EU sei ein allgemeiner Rückgang der Grundkompetenzen bei den Schülern, stellte Rodrigo Ballester, Mitglied des Kabinetts von EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics fest. Jeder fünfte Schüler in Europa könne nicht richtig lesen und schreiben. Der Mangel an Kenntniswissen werde immer gravierender. Kritik an der EU sei durchaus berechtigt, vorausgesetzt, dass diese auf Wissen und nicht auf „Fake News“ beruhe.

In Bezug auf die digitale Technologie gelte es, wachsam zu bleiben, so Ballester. Keineswegs handele es sich um eine Zauberlösung für alles. Bei einem falschen Umgang mit der digitalen Technologie sei man nur noch einenFingerbreit von der sozialen Abgrenzung entfernt.


Können soziale Netzwerke die Kommunikation im Bildungsbereich tatsächlich revolutionieren? Natürlich bringen sie neue Probleme mit sich (wie z.B. „Fake News“, Cybermobbing, Mediensucht usw.). Die digitalen Ressourcen sollten Teil der Bildung sein, damit ihr verantwortungsvoller Gebrauch vermittelt und die Schüler fit für die Zukunft gemacht werden können, betonten die Diskussionsteilnehmer. Zugleich wurde vor einer Überbewertung der Digitalisierung gewarnt. Andere Lehrmethoden dürften nicht völlig außer Acht gelassen werden.

Die digitalen „Tools“ müssten so angepasst werden, dass sie den Bedürfnissen aller entsprechen. An die Lehrer ging der Aufruf, sich nicht nur strikt an die Anweisungen zu halten. Es sei wichtig, den Schülern Autonomie und Kompetenz beizubringen, ohne sie sich selbst zu überlassen. Junge Menschen bräuchten ein zielgerechtes, individuelles Feedback. Die digitalen Kompetenzen seien dabei sehr hilfreich. Inhalte würden sich somit besser verinnerlichen lassen. Wenn dieses „Gimmick“ die Schüler beim Lernen ansporne, sei das Ziel erreicht.

Max Lemmer

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