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Die Schrecken des vergessenen Krieges

Korea

Joseph Wagener, luxemburgischer Ex-Kommandant im Koreakrieg, erinnert sich.

Am 12. Juni soll ein Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in Singapur stattfinden, nachdem zuvor monatelang ein Krieg der Worte zwischen Nordkorea und den USA getobt hatte.

Diese Kehrtwende steht in scharfem Kontrast zu Trumps Äußerungen des Vorjahres. Damals hatte der Chef des Weißen Hauses noch lauthals verkündet, Amerika werde nicht zögern, Nordkorea auszulöschen, falls das Regime weiterhin auf Eskalation setze. Nordkorea ließ sich nicht beeindrucken, testete neue Raketen und behauptete seine atomaren Sprengköpfe könnten inzwischen das US-Festland erreichen.

Der US-Präsident stempelte zunächst seinen nordkoreanischen Widersacher als „Wahnsinnigen“ ab und machte sich öffentlich über den „kleinen Raketenmann“ aus Pjöngjang lustig. Die permanenten Spannungen zwischen beiden Nationen schürten in den folgenden Monaten weltweit die Angst vor einem neuen Konflikt. Die USA drohten Nordkorea mit einem Erstschlag, Pjöngjang erwiderte mit der Drohung eines „totalen Krieges“.

Inzwischen stehen die Zeichen zusehends auf Entspannung. Dabei wird nicht an Symbolik gespart: Beim jüngsten Koreagipfel im Grenzdorf Pammunjom nahm der nordkoreanische Staatschef Kim den Präsidenten des Südens bei der Hand, um ihn über die Demarkationslinie zwischen beiden Ländern zu führen. Dieses Ereignis wird in die Geschichtsbücher eingehen.

Dennoch bleibt die jüngste Entwicklung mit Vorsicht zu genießen, da niemand mit Sicherheit ausschließen kann, dass Nordkorea das gleiche Staatsziel verfolgt, das bereits zuvor der Vater und der Großvater des heutigen nordkoreanischen Autokraten vor Augen hatten: Ihr Regime auf ganz Korea auszudehnen. Mit dieser Absicht griff bereits Stalins Alliierter Kim II Sung, Herrscher des kommunistischen Nordkorea, am 25. Juni 1950 den Süden an und löste so den Koreakrieg aus. Seine Truppen hatten die Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrades überschritten, die Korea seit dem Zweiten Weltkrieg in zwei Hälften teilt.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte die nordkoreanische Aggression aufs Schärfste und billigte eine militärische Intervention unter amerikanischem Oberkommando. Die UN-Mitgliedsstaaten wurden dazu aufgerufen, die südkoreanische Republik und die US-Truppen insbesondere mit Bodentruppen zu unterstützen. 16 Länder folgten dem UN-Appell und schickten meist freiwillige Soldaten nach Korea.

85 Freiwillige wurden rekrutiert

Auch Luxemburg, dessen Wunden aus dem Zweiten Weltkrieg nach einer vierjährigen Besatzung durch die Nazis noch nicht ganz verheilt waren, leistete damals als junges Mitglied der Vereinten Nationen seinen Beitrag und entsandte insgesamt 85 freiwillige Soldaten nach Korea. Sie wurden in das belgische, etwa 1.000 Mann starke UN-Bataillon „Belgian United Nations Command“ (BUNC) integriert.

Bis heute war der Koreakrieg der einzige Krieg an dem die Luxemburger Armee nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv teilgenommen hat. Sie zahlte dafür einen hohen Preis: Mit Caporal Roger Stutz und Sergeant Robert Mores gab es auf luxemburgischer Seite zwei Todesopfer zu beklagen. 13 weitere Soldaten wurden im Kampf verletzt, 6 weitere durch Unfälle.

Als die luxemburgische Regierung 1950 ein erstes Mal in der Presse für den UN-Einsatz in Korea geworben hatte, meldeten sich rund 300 Freiwillige. Nach der strengen Ausmusterung wurden letztendlich 43 Freiwillige für einen einjährigen Einsatz in Korea zurückbehalten. Einer von ihnen war der heute 93-jährige Joseph „Tun“ Wagener. Er wurde damit beauftragt, das erste luxemburgische Kontingent zu leiten. Ihm zur Seite standen ein „Warrant Officer“ und vier Unteroffiziere, alle mit alliierter Weltkriegserfahrung.

Als Nordkorea am 25. Juni 1950 in den Süden einmarschiert war, besuchte Wagener noch die französische Militärschule Saint-Cyr in der Bretagne. Der frisch ausgebildete Offizier erfuhr morgens beim Frühstück im Radio von Pjöngjangs Aggression. Zu dem Zeitpunkt wusste er nicht einmal, wo sich Korea auf der Weltkarte befindet.

„Die reinste Katastrophe“

 Fragt man Joseph Wagener heute, was ihn damals dazu bewog, als 25-Jähriger freiwillig in den Koreakrieg zu ziehen, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: „Ich hatte Anteilnahme für die Südkoreaner empfunden, die ihrem Gegner restlos ausgeliefert waren.“ Sein erster Gedanke sei es gewesen, selbst Hand mit anzulegen, damit das südkoreanische Volk seine Freiheit wiedererlangen könne. Zudem habe er Erlebniserwartung verspürt. Als angehender Leutnant habe er auch das Bedürfnis gehabt, im Rahmen von UN-Einsätzen Kriegserfahrung für seine weitere berufliche Laufbahn zu sammeln.

Seiner Familie erzählte Wagener damals nichts von seinem Vorhaben. Spricht man ihn jetzt darauf an, huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht: „Meine Familie, insbesondere meine Mutter, hätte dann versucht auf mich einzureden, es besser bleiben zu lassen“.  Von seiner Abreise erfuhren seine Familienangehörigen deshalb erst aus der Zeitung. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Joseph Wagener bereits nicht mehr in Luxemburg auf.

Am 2. Oktober 1950 hatte Prinz Félix im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Kasernenhof des Heilig-Geist-Plateaus die Luxemburger Soldaten verabschiedet. Das 43 Mann starke 1. Detachement wurde mit Lastwagen in das belgische Trainingscamp von Beverloo (Provinz Limburg) gebracht. Dort führte die Einheit von Joseph Wagener mit den Freiwilligen des belgischen Militärkorps mehrwöchige Übungen durch, um sich auf ihren gemeinsamen Korea-Einsatz vorzubereiten. „Die Ausbildung war ausgesprochen hart. Wir wurden auf kritische Situationen vorbereitet, was uns später in manchen Einsätzen sehr hilfreich war“, blickt der Ex-Kommandant zurück.

Anschließend ging es am 18. Dezember 1950 mit einem uralten Ozeandampfer, den die Belgier als Truppentransporter umgebaut hatten, nach Korea. Die „Kamina“ stach von Antwerpen aus in See. „Die Reise war die reinste Kata-strophe! Sie können sich nicht vorstellen, was die Belgier uns damals zugemutet haben“, erinnert sich Wagener. Obwohl die Niederländer ihre Hilfe für den Truppentransport angeboten hatten, wollten die Belgier partout die Reise mit ihrem „schwimmenden Sarg” antreten.

Patrouillen durch Minenfelder

Nach qualvollen sechs Wochen ging der Horrortrip endlich zu Ende. Bei der Ankunft am 31. Januar 1951 in der Hafenstadt Pusan im Süden der koreanischen Halbinsel wurde das UN-Bataillon von den koreanischen Behörden unter der musikalischen Begleitung einer Jazz-Band empfangen.

Die Soldaten befanden sich in einem erbärmlichen physischen Zustand. Auch ihre militärische Ausrüstung hatte unter den Folgen der Reisestrapazen arg gelitten. Das belgische UN-Bataillon, dem die Luxemburger angehörten, wurde zunächst in einem Trainingslager („United Nation Reception Center“) untergebracht. Dort wurden die Freiwilligen von den Amerikanern neu ausgestattet. „Da noch Winter herrschte, erhielten wir weiße Parkas, um auf Patrouille zu gehen“, so Wagener. Anschließend begann erneut eine schonungslose Ausbildung.

Die militärische Lage vor Ort war zu jenem Zeitpunkt ziemlich verfahren. Seoul befand sich seit dem 4. Januar 1951 in den Händen der Kommunisten. Im Oktober 1950 hatten sich die Chinesen in den Konflikt eingeschaltet und versucht  die UN-Kräfte zurückzudrängen.

Die Offensive der Chinesen, die bis Waegwan am Naktong vorgedrungen waren, wurde am 15. Januar erfolgreich gestoppt. Am 25. Januar starteten die UN-Truppen eine breit angelegte Gegenoffensive.

Nach einem einwöchigen Trainingscamp rund 10 Km nördlich von Pusan wurden die Luxemburger Soldaten zusammen mit ihren belgischen Kollegen nach Waegwan (200 Km von Seoul entfernt) verlegt, wo sie ein Zeltlager aufschlugen. Das Bataillon wurde in die dritte amerikanische Infanteriedivision eingegliedert. Seine Mission war es, die Eisenbahn und das Straßennetz zu überwachen. Gleichzeitig wurden die Soldaten damit beauftragt, feindliche Angreifer ausfindig zu machen, die bei der UN-Gegenoffensive von ihren Einsatzbasen abgeschnitten worden waren und nun eine Art Guerillakrieg führten. „Bei unseren Patrouillen ging es durch Minenfelder und wir stießen dabei auf die Überreste der nordkoreanischen T34-Panzer und Artilleriestellungen, die die Amerikaner mit ihren Kampfjets zerstört hatten“, weiß Wagener zu berichten.

Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung

Die von ihren Einheiten isolierten Nordkoreaner überfielen zahlreiche Dörfer. „Wenn wir ankamen, hatten sich die Gegner regelmäßig schon aus dem Staub gemacht“, unterstreicht der Kriegsveteran. Bei ihren Aufklärungsmissionen gerieten die Luxemburger oft in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung, alles arme Bauern, deren wenige Habseligkeiten täglich von den nordkoreanischen Soldaten geplündert wurden.

Anfang März rückte das belgische UN-Bataillon zum Fluss Han vor. Dort wurden vorwiegend Beobachtungsposten besetzt und nächtliche Patrouillen durchgeführt. Die chinesischen Einheiten griffen vorwiegend nachts an und gingen dann wieder blitzschnell in Deckung. Der Stellungskrieg am Fluss Han setzte sich bis zum 21. März fort.

Nachdem die UN-Truppen inzwischen Seoul zurückerobert und den 38. Breitengrad überschritten hatten, wurde das belgische UN-Bataillon, dem auch die Luxemburger angehörten, am 5. April 1951 in die 29. britische „Independent Brigade“ eingegliedert und am nördlichen Ufer des Flusses Imjin stationiert.

In diesen Tagen gab es erste Anzeichen auf einen möglichen Rückzug des Feindes. Gefangene berichteten hingegen regelmäßig von einer Großoffensive. Die Chinesen und die Nordkoreaner verfügten zu diesem Zeitpunkt über wesentlich mehr Soldaten als die UN-Streitkräfte. Das riesige Soldaten-Reservoir aus dem chinesischen Hinterland diente als „Kanonenfutter“ an der Front in Korea. Die UN-Befehlshaber versuchten unterdessen die menschlichen Verluste auf ein Minimum zu reduzieren.

Das BUNC-Bataillon befand sich nun mit den britischen „Gloucesters“ in vorderster Linie. Spähtrupps hielten hinter dem Imjin Ausschau. Die Nacht vom 12. auf den 13. April 1951 wird dem Kommandanten des ersten luxemburgischen Kontingents für immer tief im Gedächtnis eingeprägt bleiben. Mit einer sieben Mann starken Patrouille, darunter vier Luxemburger und drei Belgier, suchte Joseph Wagener die Gegend nördlich von Seoul am Fluss Imjin nach Feinden ab.

Dabei ging es ihm darum, herauszufinden, auf welche Stellungen sich der Gegner zurückgezogen hatte. Wagener marschierte mit seinen Leuten durch die Täler dieses Niemandslandes. Dank der Luftaufnahmen, die er mit Hilfe eines Stereoskops angepasst hatte, gelang es dem gewieften Leutnant, in seinem Einsatzbereich den Gegner tatsächlich ausfindig zu machen.

Ein glücklicher Zufall

„Die Chinesen griffen uns mit Handgranaten und aufgepflanzten Seitengewehren an. Wir mussten uns nur wenige Meter von ihren Schützengräbern entfernt aufgehalten haben“, erzählt Joseph Wagener. Danach zog er sich mit seinen Leuten zurück, da zu dem Zeitpunkt unklar war, mit wie vielen gegnerischen Soldaten sie es zu tun hatten. Das Glück stand jedoch auf ihrer Seite. Die Chinesen setzten ihnen nicht weiter nach. Außer ein paar gebrochenen Rippen, die sich ein Soldat bei einem Sturz zugezogen hatte, war nichts Gravierendes passiert.

Sofort nach seiner Rückkehr meldete Kommandant Wagener die chinesische Stellung bei der Kommandozentrale der 29. britischen Brigade.  Für diesen Coup, der zuvor trotz mehrfacher Versuche niemandem gelungen war, erntete Wagener viel Lob und Anerkennung.  Für seine Tapferkeit wurde er später mit der amerikanischen Auszeichnung „Bronze Star“ geehrt.

Die Tatsache, dass es im ersten luxemburgischen Kontingent bei diesen Operationen keine Todesopfer zu beklagen gab, ist unter anderem einem Zufall zu verdanken.  Am 22. April 1951 starteten die Chinesen am Fluss Imjin eine Offensive, um Seoul zurückzuerobern. Wagener befand sich zu dem Zeitpunkt in Ruhestellung in Japan und hatte nicht die Möglichkeit, sofort ins Kriegsgebiet zurückzukehren.

Dieser Umstand trug dazu bei, dass die Luxemburger nicht in der vordersten Front zum Einsatz kamen. Als der belgische Kommandant nämlich das Luxemburger Kontingent damit beauftragen wollte, Brücken zu prüfen, die als Fluchtwege in Frage kämen, ließ Wageners Stellvertreter, Adjutant-Major Gauthier Steffen, ein Haudegen der Al-liierten im Zweiten Weltkrieg, ihn wissen, dass sich sein Vorgesetzter im Ausland befände und er selbst nicht die Verantwortung für einen derart riskanten Einsatz übernehmen wolle. Der Bataillonchef verzichtete darauf, die Luxemburger einzusetzen. 

Behutsam mit der Munition umgehen

Die belgischen Soldaten, die anschließend die heikle Mission übernehmen mussten, kehrten von ihrem Einsatz nicht mehr zurück. Sie wurden allesamt von den Chinesen erschossen. Das BUNC hatte 13 Todesopfer und 30 Verwundete zu beklagen. „Unter diesen Umständen ist es leicht auszumalen, wie bedrückend die Stimmung war. Es ist nicht auszudenken, wie viele Luxemburger Soldaten ihr Leben an jenem Tag verloren hätten. Wir hatten einfach Riesenglück, dass ich mich zum gegebenen Zeitpunkt im Ausland befand“, räumt Wagener ein.
Das belgische UN-Bataillon war nach den erlittenen menschlichen Verlusten nicht mehr voll einsatzfähig. Auch das Material, insbesondere die Lastkraftwagen, hatte erheblichen Schaden erlitten. Die Soldaten, die sich nach der mörderischen Schlacht am Imjin zurückgezogen hatten, stellten sich am Han neu auf. Ihre Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass keine Chinesen oder feindliche Agenten in ihr Gebiet eindringen.

Am 28. Mai nahmen sie wieder ihre ursprüngliche Stellung am Imjin ein und führten hauptsächlich Patrouillen durch. Bis Anfang August wurden Schützengräben auf einer Länge von 1,2 Km angelegt und ein 21 Km langer Stacheldrahtzaun gezogen, sowie Minenfelder angelegt, um den Feind fernzuhalten.

In den darauffolgenden Wochen wurde erbittert um einzelne Stellungen gekämpft. Vor allem die Kampfhandlung „Pile Driver“ hat sich ins Gedächtnis von Leutnant Wagener gebrannt. Am 1. Juni 1951 erhielt seine Einheit den Auftrag, einen Brückenkopf nördlich des Flusses zu errichten. Dabei handelte es sich um ein wahrhaft waghalsiges Unternehmen: Leutnant Wagener und seine Männer gerieten in einen Kugelhagel der gegnerischen Einheiten. Nur durch Rückendeckung von Artillerie und Panzern gelang es ihnen, das südliche Ufer des Flusses heil zu erreichen und dort die Stellung zu halten. In Bedrängnis geraten, gelang es glücklicherweise einen Einsatz der amerikanischen Luftwaffe anzufordern, die dann gezielt in die Kämpfe eingriff.

Nach zwei Monaten am Imjin wurde das belgische UN-Bataillon mit luxemburgischer Beteiligung in die Umgebung von Chorwon verlegt und wieder der 3. amerikanischen Infanteriedivision zugeordnet.

Kurz vor seiner Abreise nahm das luxemburgische Kontingent von Joseph Wagener zwischen dem 7. und dem 12. August an einem UN-Ablenkungsmanöver teil. Die Soldaten, die auf der linken Flanke der Front stationiert waren, sollten die ihnen gegenüberstehende Truppe in Schach halten, damit diese außer Lage war, den chinesischen Einheiten in der Landesmitte Schützenhilfe zu leisten.

Bei ihrer Mission gerieten die Luxemburger mitten in ein gefahrvolles Gefecht. Wagener befahl seinen Soldaten, behutsamer mit der Munition umzugehen, da er nicht wusste, wie lange der Kampf noch andauern würde. „Hätte der Angriff, den wir abzuwehren versuchten, noch eine Stunde länger gedauert, wäre uns die Munition ausgegangen“, betont der Kriegsveteran.

Während des Krieges pflegte die „Association des Anciens Combattants 1939-1945“ unter dem Impuls ihres Sekretärs Robert Daleiden regelmäßig Kontakt zu Luxemburgern, die an der Front in Korea ein persönliches Risiko auf sich nahmen. In den zahlreichen Feldpostbriefen, die die Soldaten aus der Hölle in der Ferne gen Heimat schickten, schilderten sie lückenlos ihre erschütternden Kriegserlebnisse.

Kriegsvergehen auf beiden Seiten

Im Koreakrieg wurden auf beiden Seiten schwere Kriegsvergehen verübt. Joseph Wagener sah Dinge, die nicht spurlos an ihm vorbeigingen. Oft wurden Gefangene von chinesischen Soldaten einfach erschossen. Die US-Luftwaffe setzte unterdessen Napalm ein. „Diese Waffe war ein Monster-Flammenwerfer. Täglich sahen wir verkohlte Leichen. Die Menschen, die sich im direkten Umkreis befanden, waren dem Tode geweiht“, fährt Wagener fort. Der Phosphor in den Brandbomben blieb an der brennenden Haut der Opfer haften.

Der US-Oberbefehlshaber MacArthur zog im Koreakrieg in Erwägung, einen mit radioaktivem Kobalt verseuchten Landgürtel zu schaffen. Da Kobalt jahrzehntelang seine tödliche Wirkung behält, wäre dadurch eine Invasion der Nordkoreaner übers Land für mindestens 60 Jahre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. „Von MacArthurs Plänen habe ich erst aus der Presse erfahren, als ich bereits wieder zu Hause war“, versichert Wagener.

Am 25. August zogen sich die ersten Belgier aus Korea zurück.  Das erste luxemburgische Kontingent, das keine menschlichen Verluste zu beklagen hatte, trat Anfang September 1951 an Bord des US-Truppentransporters „General McRae“ die Rückkehr in die Heimat an. „Im Gegensatz zur Hinreise war dies eine regelrechte Kreuzfahrt“, lächelt der Kriegsveteran. Als sich die angenehme Schifffahrt am 2. Oktober 1951 in Rotterdam dem Ende zuneigte, wurden die Soldaten mit einem Bus nach Luxemburg gebracht. Bei ihrer Ankunft im Kasernenhof auf dem Heilig-Geist-Plateau wurden sie von ihren Familienangehörigen erwartet.

„Ich stieg in den Wagen meiner Eltern und fuhr mit ihnen nach Hause: Das war’s! Eine offizielle Begrüßungszeremonie war für uns nicht vorgesehen. Von der Armeeführung war an jenem Abend niemand anzutreffen“, bedauert Wagener. Anwesend war lediglich ein sogenannter „officier payeur“, der den Soldaten, die knapp bei Kasse waren, ihren ausstehenden Sold auszahlte.

Zwei Todesopfer auf luxemburgischer Seite

Das zweite luxemburgische Kontingent, das von Rodolphe Lutty kommandiert wurde, brach im März 1952 nach Korea auf. Anders als noch beim vorigen Kontingent, wurden die Soldaten dieses Mal nicht per Schiff, sondern vom belgischen Militärflugplatz Melsbroek aus in das Kriegsgebiet eingeflogen. Sechs Soldaten, die bereits mit dem ersten Kontingent in den Krieg gezogen waren, hatten den Wunsch geäußert, ihren Einsatz zu verlängern.

Zwei von ihnen sahen die Heimat nicht mehr lebend wieder. Caporal Roger Stutz, der zum Fahrer des Bataillonchefs befördert worden war, wurde am 22. August 1952 bei Chokko-Ri Opfer eines Artilleriebeschusses. Sergeant Robert Mores, der am 26. September 1952 versucht hatte, während einer Bombardierung Menschen aus einem benachbarten Bunker in Sicherheit zu bringen, erlitt tödliche Splitterverletzungen. Beide Todesopfer wurden zunächst auf dem UN-Militärflughafen in Pusan begraben. Erst im Jahr 1953 wurden ihre sterblichen Überreste nach Luxemburg überführt.

Nach drei Kriegsjahren, die auf beiden Seiten Zehntausende Menschenleben gefordert hatten, schwiegen endlich die Waffen in Korea. Nach zweijährigen Verhandlungen unterzeichneten Nordkoreaner und UN-Bevollmächtigte am 27. Juli 1953 das Waffenstillstandsabkommen. Der Vertrag schreibt unter anderem die Einrichtung einer 241 Km langen und 4 Km breiten entmilitarisierten Zone als Puffer zwischen Nord- und Südkorea fest. Die Pufferzone ist gespickt mit Millionen von Landminen und wird von Kampftruppen beider Seiten regelmäßig patrouilliert.

Nach dem Koreakrieg begann für Joseph Wagener ein neuer Lebensabschnitt. Zunächst gönnte er sich einen mehrwöchigen Urlaub. Danach übernahm der angesehene Leutnant das Kommando über diverse Armeeeinheiten. Bei der Frage, ob er es je bereut habe, sich freiwillig für Korea gemeldet zu haben, gerät der Veteran etwas ins Grübeln. Nach einigem Zögern macht er ein Geständnis: „Mir tut es leid, dass der Wagemut und die Verdienste für unseren Korea-Einsatz nie gebührend anerkannt wurden. Die Entwicklung meiner späteren Berufskarriere verlief bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nur schleppend“, lautet sein Fazit.

Zwar habe ihm der damalige Armeeminister Joseph Bech nach seiner Rückkehr aus Korea einen begehrten Posten bei der NATO im Ausland angeboten. „Hätte ich mich darauf eingelassen, hätte ich eine interessantere Karriere hingelegt“, so Wagener. Dennoch schlug er das Angebot ab: „Ich hatte meiner Mutter bereits zuvor durch den Einsatz in Korea so viel Kummer bereitet. Ein weiterer Aufenthalt im Ausland hätte die Frau in den Tod getrieben.“ Rückblickend hätte er sich einen Aufschub bei der ihm angebotenen Stelle gewünscht.

„Wie ein Held empfangen“

Wagener entschied sich, seine Berufskarriere in der luxemburgischen Armee fortzusetzen. Nach und nach avancierte er zum Kompanie- und Bataillonchef. Bis zu 800 Soldaten waren ihm unterstellt. Zudem wurde er zum Chef der „Ecole des candidats gradés“ ernannt und zum Colonel befördert. Am Ende seiner militärischen Laufbahn leitete er die „Garde grand-ducale“, die im Jahr 1966 aufgelöst wurde.  Zum Schluss seines Berufslebens war er Verbindungsoffizier bei der NATO in Brüssel.

Derzeit sind noch acht luxemburgische Veteranen aus dem Koreakrieg am Leben, drei von ihnen haben in Kanada eine neue Heimat gefunden. 66 Jahre nach seiner Rückkehr aus Korea ist Joseph Wagener immer noch stolz darauf, den UN-Truppen in Korea gedient zu haben. Der von 1950 bis 1953 dauernde Koreakrieg wird oft als der „vergessene Krieg“ bezeichnet. Viele Beteiligte hätten darunter gelitten, so Wagener.

Sein ganzes Leben setzte er sich mit viel persönlichem Engagement für gute Beziehungen zwischen Luxemburg und Südkorea ein. Dabei ging es ihm vorwiegend darum, die Erinnerung an den Koreakrieg wachzuhalten. Nach dem Kriegsende war er auf Einladung der Regierung in Seoul unzählige Male in Südkorea, zuletzt im Jahr 2016. Zweimal wurde der Ex-Kommandant zusammen mit anderen Kriegsveteranen vom steinreichen und einflussreichen Sektengründer Sun Myung Moon bei Empfängen in dessen Palast hofiert. „Mein Portemonnaie habe ich bei diesen Anlässen nicht angefasst“, schmunzelt Wagener. In Südkorea werde man als Kriegsveteran stets wie ein Held empfangen.

Dies im Gegensatz zu Luxemburg, wo die Verdienste der einheimischen Korea-Truppe bedauerlicherweise in Vergessenheit gerieten, obschon die Soldaten fern der Heimat Kopf und Kragen im Interesse Luxemburgs riskiert hatten, zum Erhalt dessen solidarischen Stellung in der freien Welt. Mit ihrem Einsatz in Korea machten sie ihrem Land alle Ehre, gewissermaßen als Vorreiter des heutigen „Nation Branding“

Max Lemmer

 

Korea steht erneut im Fokus

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un will ein neues Kapitel in den Beziehungen zu Südkorea aufschlagen. Beim historischen Gipfel mit Südkoreas Präsident Moon Jae In versprach der gewiefte Taktiker einen vollständigen Abbau seines Atomwaffenprogramms und ein Ende der Feindseligkeiten gegenüber Südkorea. Somit wurde die Hoffnung auf eine dauerhafte Lösung des Konflikts zwischen Nord- und Südkorea geweckt, nachdem zuvor jahrzehntelange Spannungen herrschten.

Alles begann am 25. Juni 1950, als nordkoreanische kommunistische Truppen den 38. Breitengrad überschritten und Südkorea überfielen. 16 Nationen, darunter auch Luxemburg, folgten damals einem UN-Appell und schickten ihre Truppen nach Korea, um den Frieden wiederherzustellen. Die 85 luxemburgischen Freiwilligen wurden in zwei Kontingente aufgeteilt. Der Einsatz forderte zwei Todesopfer. Der heute 93-jährige Ex-Kommandant des ersten Kontingents, Joseph Wagener, erinnert im Gespräch mit „fonction publique“ an die Schrecken des „vergessenen Krieges“.

 

Der Verlauf des Koreakrieges

Am Ende des Zweiten Weltkrieges, nach der Kapitulation Japans im Jahr 1945, das Korea völkerrechtswidrig besetzt hatte, war die Halbinsel in zwei Teile gespalten. Im Norden herrschte ein von China und der damaligen Sowjetunion gestütztes Regime. Im Süden kam es zu einer von den USA gelenkten Demokratie.

Fünf Jahre später, nach dem heimtückischen Angriff auf Südkorea am 25. Juni 1950, gelang es den kommunistischen Truppen im Eilmarsch die schwache südkoreanische Armee – einschließlich der dort stationierten spärlichen US-Befreiungstruppen – bis auf den südlichen Brückenkopf, dem sogenannten „Perimeter“ um die Hafenstadt Pusan, zurückzudrängen. Von dort aus setzte dann unter dem US-Oberkommandierenden der Pazifikstreitkräfte, General MacArthur, der Gegenangriff an.

Nachdem US-Präsident Truman die Verurteilung der Aggression durch die UNO erreicht hatte, erteilte er der US-Armee den Auftrag zum Rückschlag. 15 weitere UN-Staaten schlossen sich dem an, darunter auch Luxemburg, das zwei Kontingente mit insgesamt 85 Mann stellte.

Gemeinsam mit all diesen Einsatzkräften gelang es den UN-Einheiten die nordkorea-nischen Invasoren nicht nur auf ihre Ausgangsposition zurückzudrängen, sondern praktisch ganz Nordkorea bis zum Grenzfluss mit China, dem Yalu, zu besetzen. Angesichts der verheerenden Niederlage eilte China mit Hunderttausenden „Freiwilligen“ den unterlegenen Nordkoreanern zu Hilfe.

Als dann, aufgrund der nunmehr zahlenmäßig kommunistischen Übermacht, General MacArthur freie Hand forderte, um die chinesischen Stellungen im Hinterland zu bombardieren und gegebenenfalls die Atomwaffe zu nutzen, wollte Truman wegen der Gefahr eines Dritten Weltkrieges den Einsatz nicht verantworten. Er berief Mac-Arthur ab und ersetzte ihn durch General Ridgeway.

Die UN-Truppen wurden anschließend wieder auf die frühere Demarkationslinie zurückgedrängt, wo es beiderseits zum verlustreichen Stellungskrieg kam, bis beide Kontrahenten schließlich einsahen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Daraufhin kam es zu Verhandlungen, die in Pnmunjom am 27. Juli 1953 zum prekären Waffenstillstand führten.

In den folgenden Jahren befanden sich beide Nato-Staaten im latenten Kriegszustand. Erst Ende April 2018 hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un auf einem historischen Gipfel mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In einen vollständigen Abbau seines Atomwaffenprogramms und ein Ende der Feindseligkeiten gegenüber Südkorea versprochen.

 

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