CGFP CGFP - Confédération Générale de la Fonction Publique 22/08/2019 11:34
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„fonction publique“-Themenreihe: Umbruch

Pessimismus

Mutmaßungen über einen erneuten Untergang des Abendlandes

Zwischen den Zeiten

Phasen des Umbruchs begegnet der Einzelne mit einer gewissen Furcht und Skepsis. In der Tat rufen Veränderungen die Unbarmherzigkeit der Zeit ins Bewusstsein, die, stets vorwärtsgerichtet, vor nichts und niemandem Halt macht. Ähnlich wie der Herr am siebten Tag möchte der reifere Mensch auf sein Werk zurückblicken und mit Genugtuung feststellen, dass es gut sei. Die bestandene Qualitätsprüfung der eigenen Vergangenheit berechtigt das gegenwärtige Dasein, das somit einen Sinn erhält. Umso schmerzlicher erfährt das Individuum Wenden, die das Bisherige in Frage stellen, und entgegnet ihnen mit Konservatismus, Kultur- und „Fortschrittspessimismus“, die ihren Ausdruck in der mit Bedauern verbundenen Feststellung, dass früher alles besser gewesen sei, findet. „Fortschrittspessimismus“ scheint meines Erachtens sehr menschlich zu sein, da das Fortschreiten der Zeit uns unmissverständlich klarmacht, dass wir – unsere Lebensart, unsere Weltanschauung, unsere „Kultur“ – früher oder später überlebt sein werden: Der Mensch bleibt nun eben eine Fehlkonstruktion, die auf dessen Endlichkeit beruht.

Besonders hart werden „Fin-de-siècle“-Generationen getroffen, die ins Kreuzfeuer zweier – einer untergehenden und um ihr Leben kämpfenden und einer aufkommenden, sich behauptenden – Epochen geraten: „Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht.“1, so Hermann Hesse in seinem Roman Der Steppenwolf, dessen Protagonist Harry Haller zu denjenigen gehört, „die zwischen zwei Zeiten hineingeraten, die aus aller Geborgenheit und Unschuld herausgefallen sind, zu denen, deren Schicksal es ist, alle Fragwürdigkeit des Menschenlebens gesteigert als persönliche Qual und Hölle zu erleben.“2 Fragwürdig wird die bisherige Existenz, ungeborgen und entwurzelt fühlt der Einzelne sich dann, wenn er mit Umbrüchen konfrontiert wird, die sich nicht auf punktuelle Veränderungen begrenzen, sondern ein ganzes gesellschaftliches und weltanschauliches Koordinatensystem erschüttern: Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks gilt als „Revolution“, da sie die Reproduktion intellektuellen bzw. kulturellen Guts und somit dessen Zugang für eine breitere Masse förderte. Dennoch vollzog sich dieser Umbruch innerhalb eines statischen Koordinatensystems – die christliche Weltanschauung, das soziale und politische System blieben davon größtenteils unberührt. Gänzlich anders vollzogen sich die Mediatisierung und Digitalisierung gegen Ende des 20. Jahrhunderts, da sie einen unmittelbaren Einfluss auf das Privat- und Berufsleben, auf die Politik, auf das Verhalten und die Weltanschauung des Menschen im Allgemeinen  ausübten.

Heute wird erneut von einer kulturpessimistisch gescholtenen reiferen Generation in Hinblick auf die jüngere der Untergang des Abendlandes eingeläutet. Der Grund dafür liegt kaum darin, dass früher alles besser war, sondern in der Tatsache, dass wir uns in einer sich rasant verändernden Welt befinden, die unaufhaltsam ihre – neue – Bahn verfolgt und mit der ihre eigenen Ansprüche erhebenden „Welt von gestern“ zusammenstößt. Wir leben in der Tat „zwischen den Zeiten“, wie im Folgenden veranschaulicht werden soll.

Der schiefe Turm von Pisa – Bildungsmisere?

Seit längerem entlarvt die sogenannte PISA-Studie – für die zufällige Analogie zu der architektonischen Fehlleistung in der gleichnamigen italienischen Stadt darf man die OCDE-Apparatschiki beglückwünschen – den zum Teil desolaten Bildungsstand von seit Jahrhunderten kulturell führenden europäischen Nationen. Bemängelt werden, und dies auch an Luxemburger Schulen, dürftiges Allgemeinwissen und mangelnde sprachliche Kompetenz, vor allem in Rechtschreibung und Grammatik, so dass die Mutmaßung bzw. Behauptung, frühere Generationen (wir?) seien „besser“, gebildeter, gescheiter, d.h. intellektuell bemittelter gewesen, sich aufdrängt.

Meines Erachtens konkretisiert sich bei dieser Feststellung das „Zwischen-den-Zeiten“, da die jungen Menschen heutzutage in einem völlig anderen Kontext aufwachsen: Biblionome Medien sind längst den digitalen Medien gewichen, so dass Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag viel weniger mit „Schriftbildern“ als mit eigentlichen „Bildern“ konfrontiert werden. Der Kulturpessimist mag hier bereits eine Regression ins Zeitalter der Neanderthaler, die sich qua Höhlenmalerei ausdrückten, befürchten. Der Zusammenprall zwischen einer gebildeten Lehrerschaft und vermeintlich ungebildeten Jugendlichen ist umso heftiger, da hier die Welt von gestern (mit Büchern, Füllhalter und Papier, zwanzig Fernsehsendern und Langspielplatten) mit der Welt von heute (mit Internet, Apple-Pencil und One-Note, hundertfünfzig Fernsehsendern und Netflix, MP-3, I-Pad, I-Phone, ...) konfrontiert wird und diese neue Welt erst in den Kinderschuhen steckt. Zum Rückzug zu blasen und die Kinder und Jugendlichen ausschließlich hinter den Schreibtisch zu zwingen, scheint mir unter den gegebenen Umständen eine Illusion zu sein, geht es doch vielmehr darum, den Menschen zu formen bzw. zu bilden, den wir vorfinden. Jugendliche sind heutzutage anders, ohne aber zwangsläufig intellektuell weniger bemittelt zu sein. Viele Schulsysteme gehören europaweit noch eher der Welt von gestern an, Reformbestrebungen bleiben des Öfteren zaghafte Reformversuche, während sich eine systematische Anpassung an die neue Welt aufdrängt. Auch hier wird die Eigenschaft des Umbruchs offensichtlich.

Anstatt den Bildungsnotstand ausschließlich auf die Schülerschaft abzuwälzen, sollte man einen Blick auf die „neue“ Gesellschaft wagen. Smartphonefreie Schulen werden von Erwachsenen beansprucht, die, während sie über die digitale Abhängigkeit von Jugendlichen debattieren, kurz einmal ihre E-Mails auf dem Tablet checken und eine SMS beantworten. Wäre es nicht effizienter, einen verantwortungsbewussten Umgang mit den „neuen“ Medien ins Auge zu fassen? Rechtschreib- und Grammatikregeln sollen neben der sprachlichen Korrektheit dazu dienen, Schülern das Beachten von Regeln zu vermitteln, und das in einer Gesellschaft, in der allgemeine Regeln (Verkehrsregeln, höflicher Umgang mit den Mitmenschen ...) ständig missachtet werden. Tiefsinn und kritischer Geist werden in unserem Bildungssystem großgeschrieben, während Gesellschaft und Politik sich mit oberflächlichen Halbwahrheiten – meistens in einer rudimentären „Elementarsprache“ getwittert – zufrieden geben. Die Beschreibung des epochalen Umbruchs erfordert einen nüchternen Blick auf die zeitgenössische Gesellschaft.

Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit

Bereits Horaz erkannte in der aurea mediocritas, in dem „goldenen Mittelweg“ einen Kompromiss und vielleicht eine Möglichkeit, jedwede Extreme zu vermeiden. Stellt insofern der Tiefsinn nicht ein solches Extrem dar, da dessen Ziel in dem Versuch liegt, einer absoluten  Wahrheit näherzukommen, einer Wahrheit, die sich uns doch so begrenzten Menschen letzten Endes entzieht? Der wahrheitsliebende Richter Wildermuth in Bachmanns gleichnamiger Erzählung muss am Ende seiner juristischen Karriere bekennen: „Meine Lieben, es ist etwas Fürchterliches um die Wahrheit, weil sie auf so wenig hinweist, nur auf sehr Gewöhnliches, und nichts hergibt, nur das Allergewöhnlichste. Ich habe in all den Jahren von ihr nichts herausbekommen als dies Feststellen, dieses Beichten, das erleichternde Beichten von Tatsachen. Mehr war nicht von ihr zu haben.“3 Unsere Gesellschaft in ihrer Angst vor dem Unsagbaren und somit Unkontrollierbaren pocht mehr denn je auf den alleinigen Wert vermeintlich objektiver Tatsachen, wobei sie sich zwangsläufig der Oberflächlichkeit verschreibt; denn nur auf der Oberfläche der Existenz finden wir Fakten, die „mittelbar“, d. h. dem Verstand zugänglich sind. Das mittlere Maß ist mitteilbar, und die Mitteilbarkeit oder Mittelbarkeit kennzeichnet unser Zeitalter.

Wichtig ist nicht mehr die Botschaft, sondern die Tatsache, dass die Botschaft ankommt, d. h. vermittelt werden kann. Bedauern die Anhänger der alten Welt den Verlust authentischer zwischenmenschlicher Kommunikation, so wird heutzutage mehr denn je kommuniziert. Ob Faktizismus oder Postfaktizismus, ob Realität oder erdichtete Realität, es kommt darauf an, dass alles auf Tatsachen beruht – Tatsachen, die per se Bestandteil der Oberfläche sind. Die Kollision der zwei Welten macht sich somit ebenfalls in der Durchsetzungskraft von Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit bemerkbar: Während „früher“ Beweggründe, Intentionen, Tiefgründigkeit eine Rolle spielten, so begrenzt man sich heutzutage auf oberflächliche Fakten, die, erweisen sie sich nicht als gegeben, allgemeinen Missmut hervorrufen. Ein banales Beispiel aus dem Schulalltag: Die „Tatsache“, dass ein Schüler mit einem Spickzettel während einer Klausur erwischt wird, legitimiert in den Augen einiger Eltern keineswegs eine Strafmaßnahme; der materielle (also oberflächliche) Beweis muss geliefert werden, dass gespickt wurde – die unlautere Absicht spielt keine Rolle.

Respektlosigkeit und Egomanie

Der Bewohner der Welt von gestern mag sich über die Respektlosigkeit seiner Mitmenschen ärgern: Früher war man höflicher, hilfsbereiter und „zivilisierter“, sei es in Bezug auf Verkehrsregeln, das Anstehen im Supermarkt oder den Respekt gegenüber Institutionen. Und in der Tat, Polizeibeamte werden öffentlich beschimpft, Lehrer müssen die schlechten Noten ihrer Zöglinge rechtfertigen, Politiker werden in der Regenbogenpresse verunglimpft – der Untergang der Zivilisation und die Rückkehr des homo homini lupus scheinen nah.

Doch auch die vorherrschende Respektlosigkeit ist auf einen weltanschaulichen Umbruch zurückzuführen. Verdanken wir unsere geistige und körperliche Freiheit der längst vergangenen Aufklärung und Kants Forderung, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu lösen, so hat sich der zeitgenössische homo sapiens längst wieder in eine selbstverschuldete Mündigkeit verstrickt. Das Schwinden der Religionen, denen wir, gläubig oder ungläubig, zweifelsohne gewisse grundlegende abendländische Werte verdanken, sowie eine seit dem 18. Jahrhundert sich weiterentwickelnde „Hyperindividualität“ haben dazu geführt, dass der Mensch – Opfer seiner Tatsachen- und Oberflächenliebe – ganz auf sich gestellt ist. Basisdemokratie wird als subjektives Recht missverstanden, während Pflichten lästiger Freiheitsberaubung gleichkommen. Jedweder Selbstverwirklichungsversuch wird durch die Anwesenheit anderer Individualisten gehemmt. Wir leben also in einem neuen Zeitalter der Egomanie, die wir selbst verschuldet haben. Ontologisch nach Sartre begründet: Durch den Blick des Anderen werde ich zum Objekt, während der Andere wiederum durch meinen Blick zum Objekt wird. Was den Menschen heutzutage beschäftigt, ist, wessen Blick stechender ist und wie das Ich seine Subjektivität verteidigen kann. In einer Gesellschaft, in der der Selbstwert oder, genauer, die Selbstdarstellung (Selbstverherrlichung?) ausschlaggebend ist, setzt sich Respektlosigkeit zwangsläufig durch, da „Respekt“ zunächst bedeutet, auf den Anderen „zurückzublicken“, d. h. dessen Befindlichkeiten ebenfalls zu berücksichtigen.

Die Unwiederholbarkeit des Gewesenen

Ziehen wir eine kritische Bilanz über die zeitgenössische Gesellschaft, so drängt sich mit Sicherheit eine kulturpessimistische Schlussfolgerung auf: schwindende Bildung, Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit, Respektlosigkeit und Egozentrik. Kultur weicht eher einer facettenreichen populären Subkultur, so dass wir doch endlich, fast hundert Jahre nach Oswald Spenglers bahnbrechendem Werk, den „Untergang des Abendlandes“ besiegeln können. Meines Erachtens gründen aber der momentane Missmut und die vor allem geistige Untergangsstimmung auf der Tatsache, dass wir Zeugen eines Zusammenstoßes zweier Generationen, Welten oder Zeiten, zwischen denen kaum zwanzig Jahre liegen, werden. Die reifere Generation ist noch am Ende einer Welt geboren, deren Koordinaten, d. h. deren Umwelt und Kontext gänzlich anders gewesen sind als heute – sei es in der Bildung, in der Weltanschauung oder im sozialen Verhalten.

Bereits Johann Gottfried Herder entwickelte ein Geschichtsbild, demzufolge die historischen Epochen Zyklen darstellen, die je einen Eigenwert und ihre spezifische Auffassung von Glückseligkeit besitzen. Diese hängen von den Zeitumständen, dem Zeitgeist (Weltanschauung, Politik, Religion …) ab. Jede Epoche bzw. Kultur durchlebt somit verschiedene Stadien, um letztlich von einer neuen abgelöst zu werden. Oswald Spengler entwirft seinerseits ein ähnliches Modell zyklischer Kultureinheiten, die wieder-um den verschiedenen Lebensaltern (von Geburt bis zum Tod) unterworfen sind. Unmut und Kulturpessimismus werden am lautesten, wenn die Überzeugung vorherrscht, man müsse alte, bessere Zeiten wiederbeleben. Stets suchte der Mensch nach dem Goldenen Zeitalter und stets musste er feststellen, dass die Zeit sich unaufhaltsam nur in eine Richtung bewegt: „Auch in kein Land“, schreibt Herder, „hat die Bildung ihren Rücktritt nehmen können, daß sie zum zweitenmal geworden wäre, was sie war – der Weg des Schicksals ist eisern und strenge: Szene der Zeit, der Welt war schon vorüber; Zwecke, wozu sie sein sollten vorbei – kann der heutige Tag der gestrige werden?“

Diese Feststellung trifft auf unsere Gegenwart zu: Die Zeitumstände, der Zeitgeist haben sich in den letzten zwanzig Jahren so sehr geändert, dass ein Zurück kaum möglich ist. Das Problem ist, dass sich im Augenblick Bewohner der beiden Welten in unserer Gesellschaft befinden, wobei die reifere Generation das Schwinden der alten Welt bedauert. Vielleicht war es früher besser, aber auch die Zeitumstände waren anders. Wir erleben heutzutage, um es bildlich auszudrücken, eine Verschiebung tektonischer – kultureller, intellektueller und sozialer – Platten, die zum Teil für Erdbeben sorgen. Aber auch diese Platten werden sich früher oder später wieder setzen, so dass sich die kulturelle Untergangsstimmung legen wird. Konstruktive Kritik kann die Gesellschaft mit Sicherheit weiterbringen, während rein nostalgischer Kulturpessimismus eigentlich einer resignativen Haltung gleichkommt. Eine Anpassung an die neue Welt, auch wenn diese z. T. mit Schmerz verbunden ist, ist unumgänglich.

Claude Heiser

 

1     Hermann Hesse: Der Steppenwolf. Erzählung, Frankfurt a. M. 532013, S. 31. (=st 175)
2    Ebd., S. 32.
3    Ingeborg Bachmann: Ein Wildermuth, in: Dies.: Sämtliche Erzählungen, München 72008, S. 248.
4    Johann Gottfried Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, hrsg. v. Hans-Dietrich Irmscher, Stuttgart 1990, S. 89. (= rub 4460)