CGFP  >  Journal  >  Dernière édition  >  Visionner dernière édition

Dramatische Flucht Luxemburger Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald

Mauthausen

75 Jahre nach dem D-Day.

Am 6. Juni 1944 erstürmten 170.000 Soldaten der Alliierten die Strände der Normandie. Das größte Landemanöver der Geschichte ebnete den Weg zum Sieg über Hitler. Bei der entscheidenden Offensive der Alliierten zur Befreiung Westeuropas im Zweiten Weltkrieg gab es hohe Verluste zu verzeichnen. Zehntausende Soldaten kamen dabei ums Leben. Fast zur gleichen Zeit gelang damals vor 75 Jahren vier Buchenwald-KZ-Häftlingen – darunter zwei Luxemburgern – eine spektakuläre Flucht in die Heimat. Lesen Sie hier die Chronik einer atemberaubenden Geschichte, die die schicksalhaften Tage des Zweiten Weltkriegs wach werden lässt.

Am 11. April 1945 befreite die US-Armee das ehemalige NS-Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar in Thüringen. Die SS war vor den Sieges-truppen geflohen, sodass bewaffnete Häftlinge das Lager übernahmen. Die Durchsage „Kameraden, wir sind frei“, ertönte damals aus allen Lautsprechern des KZ und beendete so eine Ära des Schreckens.

In den Jahren zuvor hatten die Nationalsozialisten in diesem KZ und in dessen Außenlagern beinahe 280.000 Menschen aus rund 50 Nationen inhaftiert. Rund 56.000 Häftlinge wurden erbarmungslos ermordet. Die meisten von ihnen starben an Kälte, Hunger, medizinischen Experimenten oder an den Folgen der Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie. Die unmenschlichen Qualen, die all diese Häftlinge über sich ergehen lassen mussten, waren in jeder Hinsicht entsetzlich.

Am 75. Jahrestag der Alliierten-Landung in der Normandie ist die Erinnerung an Buchenwald aktueller denn je. Unter den Häftlingen, die damals die Befreiung des Konzentrationslagers hautnah erlebten, befanden sich auch 66 Luxemburger Resistenzler.

Die besten Storys dieser Überlebenden – und seien sie noch so tragisch – begeistern die Nachwelt bis heute und was viele unserer Generation nicht wissen: Bereits zehn Monate vor der Befreiung durch US-Truppen gelang es zwei Luxemburgern im Buchenwald-Außenlager Arolsen, einen filmreifen Fluchtplan auszuhecken. Unterstützt wurden sie dabei von zwei weiteren Komplizen.

Vor dem Krieg hatten Pierre Schaul aus Ettelbrück und Nicolas Wolff aus Colmar-Berg der einst so stolzen Freiwilligenkompanie angehört, bei der sich die meisten Weggefährten geweigert hatten, den Eid auf den Führer Adolf Hitler zu leisten. Nach der Besetzung Luxemburgs durch die Wehrmacht wurde die Freiwilligenkompanie am 4. Dezember 1940 aus der luxemburgischen Heilig-Geist-Kaserne für eine schonungslose Umschulung nach Weimar in die dortige Polizeikaserne verlegt.

„Durchalten um jeden Preis“

Damit begann der Leidensweg von Pierre Schaul und Nicolas Wolff, der sich im KZ Buchenwald fortsetzte. Dort wurden die unbiegsamen Luxemburger der Buchenwalder Strafkompanie zugewiesen. Die Arbeitsbedingungen im Steinbruch waren eine echte Zumutung: Schwerstarbeit, physische Gewalt, Hunger, Durst und unendliche Schmerzen prägten den Alltag der Häftlinge.

Auch die Verpflegung war äußerst mangelhaft. Not und Tod – wirklich nichts blieb den Häftlingen erspart. Diese schier unerträgliche Qual zog sich über Monate hinweg. Trotz zunehmender Schikanen blieb der Kämpferwillen der Resistenzler weiterhin ungebrochen. „Durchalten um jeden Preis“, lautete ihre Parole. Körperlich geschwächt erkrankte Pierre Schaul an der Ruhr. Nur seine unerschütterliche Freundschaft zu Nicolas Wolff vermochte ihn vor dem sicheren Tod zu retten.

Nach monatelanger Pein nahm das Leben der zwei Weggefährten jedoch plötzlich eine unerwartete Wendung. Beide wurden den Totenträgern zugewiesen. Anders als es anzunehmen gewesen wäre, stellte diese makabre Tätigkeit für sie eine „Beförderung“ dar. Die Zusatzverpflegung und die weitaus weniger beschwerliche Arbeit machten den Alltag für sie erträglicher.

Doch die Freude hielt leider nicht lange an. Mehrere Buchenwald-Häftlinge, darunter auch die beiden Luxemburger, wurden zwecks Aufräumarbeiten und Bombenentschärfung nach Köln abkommandiert. In der vom Krieg verwüsteten Stadt waren die Haftbedingungen allerdings wesentlich besser als bisher. Zudem wurden sie nicht mehr von Stacheldraht abgeschirmt. Prügel blieben dennoch nicht aus.

Schon bald nach der „Beförderung“ wähnten sich die beiden Luxemburger wieder im Glück: Bei den Aufräumarbeiten im Kellergewölbe eines Kölner Finanzinstituts stießen sie auf eine größere Geldsumme. Tatsächlich schafften sie es später, die fein säuberlich in Pakete gebündelte Beute sicher nach Buchenwald zu schmuggeln. Dieses Geld sollte sich für die spätere Flucht als äußerst wertvoll erweisen.

Der Fluchtwagen des SS-Stabsarztes

Kurze Zeit später wurde das luxemburgische Tandem in das hessische Städtchen Arolsen überwiesen. Dort befand sich ein Außenlager des KZ Buchenwald. Das weiträumige Kasernenareal umfasste u.a. eine SS-Führerschule, bequeme SS-Führerwohnungen, Reparaturwerkstätten jeder Art, Mannschaftsunterkünfte, Waffen- und Munitionslager, Sportanlagen, Kleiderkammern sowie die Baracken der KZ-Häftlinge.

In Arolsen wurden die zwei Luxemburger Gefangenen zunächst bei Erdarbeiten eingesetzt. Sie schlossen Bekanntschaft mit dem belgischen Häftling Fernand Labalue. Der damals 23-jährige Student aus Lüttich war von Dachau nach Arolsen gebracht worden. Wenig später stieß der gelernte Autoschlosser und ehemalige polnische Widerstandskämpfer Adolf Korzynski dazu. Schnell begannen diese vier Männer einen raffinierten Fluchtplan zu schmieden. Sie waren fest gewillt, aufs Ganze zu gehen, um die lang ersehnte Freiheit wiederzuerlangen.

Wolff und Korzynski waren vor ihrer Flucht beide als Automechaniker in der Reparaturwerkstatt tätig. Dem als Friseur ausgebildeten Schaul kam die ehrenvolle Aufgabe zuteil, den SS-Leuten die Haare zu schneiden. Labalue war als Hilfsarbeiter damit beauftragt worden, die Kleiderkammer der SS-Leute zu verwalten. Durch gewisse Privilegien, die sie sich nach und nach erarbeitet hatten, bekamen die Männer die Härte des Lagerlebens weniger zu spüren. Aufgrund ihrer vielfältigen Fähigkeiten genossen sie zunehmend das Statut eines sog. „Ehrenhäftlings“. So mussten sie z.B. keinen Kurzhaarschnitt mehr tragen, was für das bevorstehende Entkommen sehr hilfreich war.

Bei der geplanten Flucht waren die Aufgaben klar verteilt. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Als Mitverwalter der Bekleidungskammer erhielt der Belgier Labalue den Auftrag, die für die Flucht benötigten SS-Uniformen zu besorgen. In dem großen Lager waren auch Rang-, Dienstgrad-, und Parteiabzeichen sowie Ehrenbändchen, eiserne Kreuze und Verdienstorden vorzufinden. Bei einem Einbruch in die SS-Küche weckte Labalue die Wachposten. Da er jedoch einen SS-Mantel trug, kam er mit einem blauen Auge davon. Dies war gewissermaßen die Feuerprobe für den kühnen Fluchtplan.

Wolff und der Pole Korzynski wurden damit vertraut, den Fluchtwagen zu beschaffen. In der Ecke der SS-Garage schlummerte unter einer Zeltplane ein mit Holzböcken aufgebocktes Fahrzeug. Der Privatwagen, der einem SS-Stabsarzt gehörte, war längst nicht mehr für den Verkehr zugelassen und blieb daher vom Lagerpersonal weitgehend unbeachtet.

Korzynskis Mission bestand darin, den Ford-Eifel (Taunus) wieder fahrtüchtig zu machen, die Kennzeichen eines betriebsunfähigen Lancia LKW daran zu befestigen und die Bordpapiere fachgerecht zu fälschen. Wolff, der als Mechaniker Zugang zu den Tankstellen hatte, fiel die Rolle zu, Treibstoff zu besorgen.

Auf frischer Tat ertappt

Als SS-Friseur konnte Schaul in sämtliche Diensträume der SS gelangen. Dies ermöglichte ihm, den Blockschlüssel für kurze Zeit zu entwenden, um davon einen Bleiabdruck zu machen. Doch als er damit beschäftigt war, den soeben angefertigten Schlüssel auszuprobieren, wurde er auf frischer Tat ertappt.

Glücklicherweise besaß Pierre Schaul die Chuzpe zu behaupten, dass der zweite Schlüssel auf Wunsch des Lagerkommandanten hergestellt worden sei. Er wusste, dass seine Aussage nicht sofort überprüft werden konnte, da sich der vermeintliche Auftraggeber zum gegebenen Zeitpunkt für mehrere Tage in Paris aufhielt. Schauls Behauptung sollte jedoch unmittelbar nach der Rückkehr des Kommandanten überprüft werden.

Nach diesem Zwischenfall stand für alle Beteiligten fest, dass die bevorstehende Flucht nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden konnte. Angesichts des enormen Zeitdrucks beschloss das Quartett, seine Chance am 4. Juni 1944 zu nutzen. An jenem Sonntagmorgen herrschte im Lager Arolsen absolute Ruhe. Die SS-Offiziere genossen ihren Ausgang.

Adolf Korzynski betrat als Erster die Kleiderkammer. Plangemäß zog er die Nazi-Uniform an. Binnen kürzester Zeit verwandelte sich der polnische Widerstandskämpfer in einen furchterregenden SS-General mit Schnurrbart.  Pierre Schaul, der sich zu ihm gesellte, verpasste ihm noch die richtige Frisur und heftete in Eile das Ritterkreuz an seine Uniform. Die SS-Schirmmütze sah aus, als ob sie maßgeschneidert worden sei.

Jetzt stand der Flucht nichts mehr im Weg. Der vorhandene Proviant sollte für ein paar Tage ausreichen. Wolff hatte sich um die Zivilkleider sowie den Reservekanister mit Benzingekümmert. Aus der Waffenkammer wurden vier Armeepistolen entnommen. In der Diensttasche des Generals wurden ein Kompass und Straßenkarten verstaut.

Korzynski, der im Lager als Draufgänger berüchtigt war, setzte sich ans Steuer des Fluchtwagens. Von nun an durfte keine Zeit mehr verschwendet werden. Jeden Augenblick hätte ein SS-Mann auftauchen und die Pläne durchkreuzen können. Wolff und Schaul versteckten sich hinten auf dem Fahrzeugboden unter einer Militärdecke. Von außen hatte es den Anschein, als ob dort Pakete liegen würden.

Mit Vollgas in die Freiheit

Fernand Labalue stand unterdessen noch immer in der Häftlingskleidung vor dem geöffneten Garagentor. Gerade zum entscheidenden Zeitpunkt zogen ein paar SS-Führeranwärter singend vorbei. Korzynski ließ sich aber nichts anmerken und brüllte Labalue zu: „Rein du Sauhund!“ Der Belgier gehorchte und stieg in den Wagen. Nur wenig später kroch er ebenfalls zu den Anderen unter die Decke.

Beim Haupttor lauerte eine weitere Gefahr. Der vermeintliche General musste den Wagen zur Passierkontrolle anhalten. Dort durfte er auf keinen Fall das Wort ergreifen. Sein starker Akzent hätte den Fluchtplan sofort auffliegen lassen. Umso größer war die Erleichterung, als der Posten dem „General“ ein Zeichen zur Weiterfahrt machte.

Die auf Gedeih und Verderb geeinten Komplizen konnten ihr Glück kaum fassen. Mit hoher Geschwindigkeit rasten sie in die neu gewonnene Freiheit. Vorsichtig schoben die drei Häftlinge die Decke beiseite und streiften sich in Windeseile die SS-Uniformen über. Ein Rollentausch war jedoch aufgrund des starken Akzents von Korzynski unvermeidbar: Pierre Schaul schlüpfte in die Rolle des Generals. Sein „Vorgänger“ wurde zum Feldwebel degradiert. Fernand Labalue trug die Uniform eines Stabsfeldwebels. Nicolas Wolff mimte den Unteroffizier.

In Koblenz konnte das Viergespann dank der SS-Uniformen die große Brücke über den Rhein ohne Kontrolle passieren. Danach wurde das Benzin allmählich knapp. In der ganzen Aufregung hatte Wolff vergessen, einen Trichter im Gepäck zu verstauen. Beim Tanknachfüllen wurde viel Treibstoff verschüttet. Im Hunsrück wurde schließlich allen klar, dass der Vorrat nicht ausreichen würde. Ihre Hoffnung ruhte auf einer nahegelegenen Tankstelle. Ein Gendarmerieposten, der dort Stellung hielt, teilte ihnen jedoch mit, dass nur noch Sprit für den eigenen Dienstgebrauch vorhanden sei.

Bei den Flüchtigen wuchs nun die Verzweiflung. Voller Frust schoben sie den Fluchtwagen eine Böschung in einen dichten Tannenwald hinunter, um keine Spuren zu hinterlassen. Die Männer wussten, dass ihr Unterfangen gelingen musste. Andernfalls würden sie in Buchenwald am Galgen enden. Die Ausreißer marschierten weiter zu Fuß. Hunger, Durst und schmerzhafte Blasen an den Füßen brachten sie an den Rand der Erschöpfung.

Misstrauische Gestapo

„SS-General“ Schaul erlitt mehrere Schwächeanfälle, rappelte sich aber immer wieder auf. Nach ihrem qualvollen Streifzug erreichten die beiden Luxemburger und ihre Komplizen ein Dorf nahe der Ortschaft Morbach. Als sie sich inzwischen nach dem nächstgelegenen Bahnhof erkundigten, bat sie eine junge Frau spontan in ihr Haus einzutreten, in dem sich eine Trauerfeier für einen Verstorbenen dem Ende neigte. Die ausgehungerten Freunde nutzten diese Gelegenheit, um sich nach den kräfteraubenden Strapazen zu stärken.

Noch am selben Tag nahmen die Häftlinge den Zug nach Trier. Bei ihrer Ankunft mussten sie vor der geplanten Weiterfahrt nach Luxemburg einen einstündigen Zwischenstopp einlegen. Sie vertrieben sich die Zeit in einem Lokal, als plötzlich echte Gestapoleute den Raum betraten. Die Atmosphäre war extrem angespannt. Die Männer der geheimen Staatspolizei wurden misstrauisch und tauschten sich mit den Kellnerinnen aus. Ein Gestapo-Mann ging zum Telefon.

Um zu vermeiden, dass alles aus den Fugen gerät, beschloss der als General getarnte Schaul, das Lokal schleunigst in Begleitung seiner „Untergesetzten“ mit einem tosenden „Heil Hitler“-Gruß zu verlassen. Von nun an gingen sie aus Vorsicht getrennte Wege. Wolff und

Labalue flüchteten zu Fuß Richtung Heimat. Kurz vor Wasserbillig bekamen es die beiden erneut mit der Angst zu tun, denn die Zoll- und Eisenbahnbrücke wurden vom Militär streng bewacht. Den Flüchtigen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass die Alliierten bereits in der Normandie gelandet waren.

Als sich ihnen ein Güterzug näherte, sprangen sie blitzschnell in einen leeren Wagon. Mit Erfolg! Sie blieben unbemerkt und schafften es somit, die luxemburgische Grenze zupassieren. Das Gefühl, wieder heimischen Boden unter den Füßen zu haben, war überwältigend. Die mutigen Männer marschierten zu Fuß nach Echternach. Mitten in der Nacht erreichten sie das Haus von Schauls Schwager. Von ihm erfuhren sie, dass die Truppen der Westalliierten in der Normandie die deutschen Stellungen am Atlantikwall mit Tausenden von Schiffen, Flugzeugen und Fallschirmspringern angegriffen hatten.

Aus Sicherheitsgründen mussten Wolff und Labalue den Ort wieder verlassen. Noch einmal richtig brenzlig wurde es dann, als ein Gendarm in Consdorf ihre Identität überprüfen wollte. Mit dem Finger am Abzug der Pistole sprach Wolff den Beamten auf Luxemburgisch an. Der Gendarm war überrascht, dass er es angeblich mit Landsleuten zu tun hatte und winkte sie durch. Auch der Belgier Labalue konnte sich mit einem akzentfreien „Jo“ durchmogeln.

Einen weiteren Schreckmoment erlebten die ehemaligen KZ-Häftlinge in Larochette. Mit knapper Not konnten sie sich einer Kontrolle der Nazigendarmerie entziehen. Unbeschreiblich war kurze Zeit später die Freude, als Wolff mit seinem belgischen Freund an der Tür seines Elternhauses klingelte. Lange konnten sie dort allerdings nicht bleiben. Zu groß war das Risiko, erwischt zu werden. Bis zur Befreiung der Amerikaner brachten sich die beiden in einem Versteck in Sicherheit.

Schaul und Korzynski entschieden sich derweil für eine andere Fluchtvariante. Per Zug fuhren sie nach Wasserbillig und trafen wenig später in Ettelbrück ein. Ausgerechnet am Tag der Alliierten-Invasion kreuzte Pierre Schaul mit seinem polnischen Freund bei seinen Eltern auf. Viel Zeit sich auszutauschen, blieb damals nicht, denn die beiden Männer mussten sich außer Gefahr bringen.

Fahndung in ganz Deutschland

Im Außenlager Arolsen fiel zunächst die Flucht der vier Häftlinge niemandem auf. Einige Stunden nach dem Ausbruch suchte ein SS-Mann den Friseur Pierre Schaul zum Haareschneiden auf. Die Suche nach Schaul und dessen treuen Weggefährten Wolff blieb jedoch ergebnislos. Daraufhin wurde eine großangelegte Kontrolle des Lagerbestandes durchgeführt. Beim Appell stellte sich heraus, dass vier von den insgesamt 126 Insassen fehlten. Anschließend mussten die Wachposten bei einem strengen Verhör Rede und Antwort stehen. Die Bestandsaufnahme in der Kleiderkammer ergab, dass tatsächlich vier SS-Uniformen abhandengekommen waren.

Tagelang bestimmte die spektakuläre Flucht das Geschehen im Lager. Die Suche nach weggeworfenen Häftlingskleidern trug keine Früchte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass ein Fluchtwagen benutzt worden war. Erst als ein Zivilarbeiter der SS-Garage meinte, die Flüchtigen hätten bestimmt das Fahrzeug des SS-Stabsarztes entwendet, kam man der Sache auf die Schliche. Die Plane, die zum Schutz des Wagens gedient hatte, wurde hochgehoben. Die SS-Leute trauten ihren Augen nicht schlecht, als sie plötzlich eine Attrappe aus Holzlatten sahen.

Unmittelbar danach wurde die Fahndung auf ganz Deutschland ausgedehnt. Im Deutschen Kriminalpolizeiblatt wurde ein Bild von den vier Häftlingen veröffentlicht. Gleichzeitig wurde eine Belohnung für die Ergreifung der Vermissten ausgesetzt. Zum Glück verlief die ganze Suchaktion nur schleppend, sodass die wagemutigen Männer genügend Vorsprung hatten, um sich außer Gefahr zu bringen. 

Max Lemmer

 

Der weitere Werdegang der vier Helden

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stieg Pierre Schaul in der Luxemburger Armee zum Adjutant-Chef auf. Am 11. Februar 1964 starb er bedauerlicherweise im Alter von nur 43 Jahren an den Folgen der Entbehrungen, die er im Konzentrationslager erlitten hatte.

Nicolas Wolff arbeitete nach dem Krieg als Wachtmeister bei der Gendarmerie. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand lebte er in Vichten. Er starb am 15. April 1982 im Alter von 61 Jahren.

Der Belgier Fernand Labalue ging mit der Schwester von Pierre Schaul den Bund fürs Leben ein und kehrte in seine Heimatstadt Lüttich zurück.

Nach der Befreiung Luxemburgs arbeitete Adolf Korzynski eine Zeit lang im Großherzogtum, bevor er Richtung Übersee nach Kanada aufbrach.

ml

 

Ausreichend Stoff für einen Film

Die spektakuläre Flucht der vier Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald ist einmalig in der KZ-Geschichte. Pierre Schaul, Nicolas Wolff, Fernand Labalue und Adolf Korzynski sind ein Paradebeispiel für bedingungslose Freundschaft und Tapferkeit. Wahre Geschichten fesseln! Kein Wunder, dass immer noch viele realitätsgetreue Schicksale aus dem Zweiten Weltkrieg verfilmt werden. So erwies sich die Geschichte des Industriellen Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs sein Leben riskierte, um seine jüdischen Arbeiter vor der Deportation zu bewahren, als ein wahrer Kinohit.

Volker Schlöndorffs Holocaust-Drama „Der neunte Tag“ punktete sogar mit einem direkten Bezug zu Luxemburg. Sein Film aus dem Jahr 2004 beruht auf der autobiografischen Erzählung von Jean Bernard über seinen Aufenthalt als Häftling im Pfarrerblock des KZ Dachau. Nach wie vor stoßen solche Zeitzeugen-Filme, die eine authentische Darstellung der damaligen KZ-Verhältnisse liefern, auf ein reges Interesse der Kinogänger.

Umso erstaunlicher ist es, dass die tollkühne Flucht der Luxemburger Buchenwald-Häftlinge bislang noch nicht verfilmt wurde, denn Material für ein perfektes Drehbuch gibt es zur Genüge. Robert Daleiden hatte zu seinen Lebzeiten als Schulfreund von Pierre Schaul mehrmals diesen Vorschlag gemacht. 

ml

Les cookies assurent le bon fonctionnement du site. En le consultant, vous acceptez l'utilisation des cookies. OK En savoir plus