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„Die Regierung wird an der Steuerreform gemessen“

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Interview mit CGFP-Nationalpräsident Romain Wolff und Generalsekretär Steve Heiliger.

Im März kommenden Jahres stehen im Staatsdienst Sozialwahlen an. Die CGFP will ihre Vormachtstellung als Einheitsgewerkschaft des öffentlichen Dienstes verteidigen, versichern CGFP-Nationalpräsident Romain Wolff und Generalsekretär Steve Heiliger im Interview mit „fonction publique“. Mit u.a. der Abschaffung der 80/80/90-Regelung und der Einführung der Zeitsparkonten konnte die CGFP in der vergangenen Legislaturperiode wichtige Errungenschaften erkämpfen. In den nächsten Monaten will sich die Dachorganisation aller öffentlich Bediensteten u.a. bei der geplanten Steuerreform einbringen. Auf der Agenda stehen demnächst auch die Verhandlungen über das kommende Gehälterabkommen.

fp:  Im kommenden Jahr stehen die Sozialwahlen im öffentlichen Dienst auf Ihrer Agenda. Welche Ziele hat sich die CGFP gesteckt?

Romain Wolff (RW): Die CGFP will ihre Mehrheit in der Berufskammer der öffentlich Bediensteten verteidigen und gegebenenfalls sogar ausbauen. Die Sozialwahlen sind für uns von größter Wichtigkeit, gilt es doch, die nationale Repräsentativität zu bestätigen. Dieser Termin, der alle 5 Jahre erfolgt, ist der wichtigste in unserer Agenda. Wahlen kann man nur für sich entscheiden, indem man die geeignetsten Kandidaten ins Rennen schickt und gleichzeitig eine überzeugende Gewerkschaftsarbeit aufzuweisen hat. Die Vorbereitungen für die Sozialwahlen laufen zurzeit innerhalb der CGFP auf Hochtouren.

Steve Heiliger (SH): Aufgrund ihrer nationalen Repräsentativität ist die CGFP nach wie vor der einzige Verhandlungspartner der Regierung bei sämtlichen Fragen, die den öffentlichen Dienst betreffen. Als Dachorganisation aller Staatsbediensteten hat die CGFP den Blick fürs Ganze, da sie, im Gegensatz zu anderen Gewerkschaften, nicht nur in einzelnen Sektoren vertreten ist. Wir rufen unsere Mitglieder, und darüber hinaus alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes dazu auf, die CGFP bei den Sozialwahlen zwischen dem 20. und 30. März 2020 massiv zu unterstützen. Wir appellieren an die Stimmberechtigten, die Wahlzettel, die sie per Post erhalten, auszufüllen und fristgerecht zurückzuschicken.

fp: Welche Errungenschaft, die im Lauf Ihrer Amtszeit erkämpft wurde, bereitet ihnen am meisten Freude?

RW: Wir haben es geschafft, mit der vorigen Regierung ein Abkommen zur Abschaffung der unsäglichen 80/80/90-Regelung zu erreichen. Diese Maßnahme besagt, dass die Praktikanten während ihrer dreijährigen „Stage“-Zeit keine volle Besoldung erhalten. Dies war der CGFP von Anfang an ein Dorn im Auge. Wir hatten damals dieser umstrittenen Regelung nur widerstrebig zugestimmt, um einen weitaus schlimmeren Sozialabbau zu vermeiden.

SH: Unserer Ansicht nach war es von Beginn an falsch, Sparmaßnahmen zulasten der jüngeren Generationen einzuführen. Vor dem Hintergrund sprudelnder Staatsfinanzen wäre ein Aufrechterhalten der 80/80/90-Regelung zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr gerechtfertigt. Die Abschaffung dieser kontraproduktiven Maßnahme soll zudem dazu beitragen, den Personalmangel beim Staat zu beheben. Zugleich soll der öffentliche Dienst, der im Wettbewerb mit anderen Sektoren steht, dadurch wieder attraktiver werden.

RW: Neben der Beseitigung der 80/80/90-Regelung konnte die CGFP in den vergangenen Jahren noch viele andere wichtige Anliegen durchsetzen. Eines davon ist zum Beispiel die Einführung der Zeitsparkonten, die im Oktober 2018 in Kraft getreten sind.

fp: Stellt Sie die Umsetzung der Zeitsparkonten zufrieden?

RW: Beim „compte épargne-temps“ (CET) handelt es sich um eine ausgezeichnete Initiative, die nach anfänglichen Startschwierigkeiten auf Betreiben der CGFP im öffentlichen Dienst zustande kam. Heute stellt niemand mehr diese sinnvolle Maßnahme infrage. Der beste Beleg dafür ist, dass der CET inzwischen auch in der Privatwirtschaft eingeführt wurde. Der öffentliche Dienst hat hier, wie schon so oft in der Vergangenheit, eine Vorreiterrolle übernommen.

SH: Diese politisch sehr innovative Maßnahme hat zu einer völlig neuen Arbeitszeitorganisation geführt. Die alte rigide Arbeitseinteilung entsprach schon lange nicht mehr dem heutigen Zeitgeist. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind die Zeitsparkonten auch Bestandteil einer modernen Familienpolitik, da sie eine bessere Vereinbarung von Privat- und Berufsleben zulassen.

fp: Nichtsdestotrotz sind bei der Einführung der Zeitsparkonten vereinzelt Schwierigkeiten in Bezug auf die Arbeitszeitregelung aufgetreten. Wie will die CGFP diese Probleme beheben?

RW: Die Problematik betrifft vorwiegend die Schichtarbeit. Die EU-Richtlinie aus dem Jahr 2003 betreffend die Arbeitszeitregelung muss in nationales Recht umgesetzt werden. Die Richtlinie sieht Mindestnormen vor. Ziel ist es, in diesem Rahmen eine allgemeingültige Lösung zu finden. Eine CGFP-Arbeitsgruppe hat sich dieser Herausforderung angenommen. Die Vorschläge wurden dem zuständigen Minister unterbreitet. Außerdem werden bald weitere sektorielle Abkommen getroffen. Dies geschieht nach einem ähnlichen Strickmuster, wie zuvor bei der Polizei und der Armee. Lassen Sie mich eine Sache klarstellen: Die generellen Punkte, die gesetzlich verankert werden, dürfen die bisherigen sektoriellen Übereinkünfte nicht aushebeln. Die Abkommen stehen vollkommen im Einklang mit der EU-Richtlinie.

SH: Wir wollen vermeiden, dass die sektoriellen Abmachungen untergraben werden. Damit die Vereinbarungen integral und wortgetreu umgesetzt werden können, muss über großherzogliche Verordnungen eine legale Grundlage geschaffen werden. Es kann nicht angehen, dass sektorielle Übereinkommen mit dem zuständigen Ressortchef ausgehandelt werden und die entsprechende Verwaltung sich weigert, diese zu berücksichtigen.

RW: Im Zuge der bevorstehenden Veränderungen dürfen bei den Zeitsparkonten unter keinen Umständen Verschlechterungen eintreten. Wir müssen die Quadratur des Kreises hinbekommen.

fp: Was ist, wenn Minister Marc Hansen Maßnahmen in das Gesetz integriert, die weit über die CGFP-Vorschläge hinausgehen?

RW: Wir verschließen uns nie Verbesserungen. Niemals würde sich die CGFP dem widersetzen. Das wäre töricht….

SH:…Es wäre jedoch eine verkehrte Welt, wenn Maßnahmen, die etwas Positives bewirken sollen, auf einmal zu Missbräuchen führen könnten. Ich sehe keinen Sinn darin, dass Bestimmungen, die sich nur auf wenige Ausnahmefälle beziehen, einen allgemeingültigen Charakter haben sollen. Ich bin der Meinung, dass man in Ausnahmesituationen öffentlich Bediensteten, die mehr arbeiten als erforderlich, von Fall zu Fall entgegenkommen kann.

RW: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn man etwas bewirken möchte, muss es möglich sein, einen Ausweg zu finden, ohne dass dabei andere geschädigt werden. Wir müssen sicherstellen, dass niemand Nachteile erfährt. Die CGFP pocht darauf, dass die nötigen Vorkehrungen getroffen werden.

fp: In welchen Bereichen muss nach den Abkommen bei  der Polizei und der Armee noch nachgebessert werden?

RW: Überall dort, wo es aufgrund der aktuellen Bestimmungen schwierig ist, einen Dienst rund um die Uhr zu gewährleisten. Dies ist derzeit unter anderem beim „Corps grand-ducal d’incendie et de secours“ (CGDIS) und beim Zoll der Fall. Auch in anderen Bereichen sind solche Abkommen notwendig.

fp: Wie zuversichtlich sind Sie, dass das Unterfangen gelingt?

RW: Was bei der Polizei und bei der Armee erreicht wurde, wird auch woanders möglich sein. In dem Punkt stimme ich mit Minister Marc Hansen überein, der neulich in einem „Wort“-Interview betonte, dass das Polizei-Abkommen als Grundlage für das CGDIS dienen könne.

SH: Inzwischen fand diesbezüglich auch eine Unterredung mit Innenministerin Taina Bofferding statt. Die CGFP hat deswegen mit ihrem Fachverband SNPPL darauf gedrängt, dass, ähnlich wie bei der Polizei und der Armee, das für die Rettungskräfte zuständige Regierungsmitglied am Verhandlungstisch sitzen muss. Die erforderlichen Anpassungen übertreffen bei Weitem den Kompetenzbereich der CGDIS-Direktion und des Verwaltungsrats.

fp: Wie bewerten Sie derzeit den Sozialdialog in Luxemburg?

RW: Die Entscheidung des Arbeitgeberverbandes UEL dem “Comité Permanent du Travail et de l’Emploi” (CPTE) fernzubleiben, ist zu tiefst bedauerlich. Die CGFP spricht sich für den Erhalt des Sozialdialogs aus und wird solidarisch mit dem LCGB und dem OGBL am 19. November an einer gemeinsamen Protestkundgebung teilnehmen. Der öffentliche Dienst blickt ebenfalls auf ereignisreiche Jahre zurück. Die CGFP- Kundgebung am 16. Juni 2016 war mit mehr als 1.000 Demonstranten ein wahrer Erfolg. Die CGFP weigerte sich damals kategorisch, Einschnitte bei den Prämien für Staatsbedienstete hinzunehmen. Angesichts der verbesserten Staatsfinanzen waren diese Sparmaßnahmen überflüssig.

SH: Nur 15 Monate später brachte die CGFP am 27. November 2017 im Rahmen einer beeindruckenden Protestveranstaltung ihren Unmut über die mangelhafte Umsetzung der Reform im öffentlichen Dienst zum Ausdruck. Nahezu alle CGFP-Forderungen wurden später von der vorigen Regierung erfüllt. Zu den Streitpunkten gehörten damals die sinnlose 80/80/90-Regelung, die systematische Überbelastung der Bediensteten, das fragwürdige Bewertungssystem, die Ausgrenzung der CGFP-Fachverbände und die ungerechte Neuordnung von bestimmten Laufbahnen!

fp: Schreiten die Verhandlungen, die der Minister des öffentlichen Dienstes seit März mit den 60 CGFP-Fachverbänden führt, gut voran?

SH: Nach den Rückmeldungen, die wir bislang erhielten, haben etliche CGFP-Mitgliedsorganisationen den Verhandlungstisch mit gemischten Gefühlen verlassen. Ich will daran erinnern, dass mit dem vorigen Minister des öffentlichen Dienstes, Dan Kersch, nicht nur Gespräche, sondern auch eine beachtliche Summe ausgehandelt wurde, um somit den legitimen Forderungen der Fachverbände bestmöglich Rechnung zu tragen. Die Zeit drängt!

fp: Wieso haben Sie es so eilig?

SH: Die Verhandlungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Zusatzabkommens zum Gehälterabkommen, das bis Ende 2020 gilt. Bis dahin müssen die Gespräche also erfolgreich abgeschlossen werden. Ich würde es sehr bedauern, wenn Ende kommenden Jahres plötzlich 60 sektorielle Konflikte eintreten würden. Dies wäre mit Sicherheit im Interesse von niemandem.

fp: Findet die CGFP genügend Gehör bei der Regierung?

SH: Die CGFP vertritt 65 Fachverbände und mehr als 30.000 Familien. Bei Fragen, die den öffentlichen Dienst betreffen, führt kein Weg an der CGFP vorbei. Die Politik muss sich dessen bewusst sein. Nach Auffassung der CGFP werden Gespräche zunächst am Verhandlungstisch geführt. Das Beispiel der „Spuerkeess“ zeigt jedoch, dass wir durchaus auch zu anderen gewerkschaftlichen Maßnahmen fähig sind, wenn dies erforderlich ist.

RW: Diese Regierung wird an den Ergebnissen der Steuerreform gemessen. Die CGFP will rechtzeitig bei der Ausarbeitung dieses ehrgeizigen Vorhabens eingebunden werden. Des Weiteren fordern wir, dass die Steuertabelle endlich an die Preisentwicklung angepasst wird. Es kann nicht sein, dass der finanzielle Spielraum für die Reform durch eine Nicht-Anpassung der Steuertabelle geschaffen wird.

fp: Die Individualbesteuerung der Privathaushalte wird ein Kernelement der Steuerreform sein. Wie steht die CGFP diesem Vorhaben gegenüber?

SH:  Viele Fragen sind diesbezüglich noch zu klären. Wenn bei einem verheirateten oder gepacsten Paar die Individualbesteuerung eingeführt wird, bleibt bei der Steuererklärung vieles im Ungewissen. Nehmen wir als Beispiel den Abschluss eines Bausparvertrages. Dieser wird immer auf einen Namen ausgestellt. Macht in diesem konkreten Fall der Halter des Vertrags die Beiträge steuerlich geltend, oder trifft dies auf das Paar zu, das gemeinsam das Wohnobjekt erstanden hat? Abzuwarten bleibt zudem auch, ob künftig dem ehelichen Güterrecht auf steuerlicher Ebene eine Bedeutung zuerteilt wird. Derzeit ist dies nicht der Fall. Zudem kommt bei einer Individualbesteuerung ein doppeltes Arbeitsvolumen auf die Steuerverwaltung zu. Erst kürzlich hat der CGFP-Fachverband der Steuerbeamten davor gewarnt, dass die betreffende Verwaltung jetzt schon überlastet ist.

RW: Die Individualbesteuerung ist in aller Munde. Welche konkreten Auswirkungen sie haben wird, ist derzeit schwer abzuschätzen. Das trifft auch auf die Steuerreform insgesamt zu. Von politischer Seite aus wurde versichert, dass es keine Verlierer geben werde und manche besser abschneiden würden. Die Steuerklassen sollen abgeschafft werden. Dabei stellt sich jedoch unweigerlich die Frage, wie das in der Praxis finanzierbar ist. Ich befürchte, dass es bei der Steuerreform am Ende doch noch den einen oder anderen Verlierer geben wird. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung Kompensationsmaßnahmen beschließen wird, um somit finanziellen Mehrbelastungen bis auf Weiteres vorzubeugen. Wir weisen jedoch darauf hin, dass auch für die künftigen Generationen keine Nachteile entstehen dürfen…

SH: ...Die CGFP setzt sich auch für die Interessen der nachfolgenden Generationen ein.

fp: Seit Langem sehen Sie Handlungsbedarf bei den „Fonds d’investissment spécialisé“ (FIS). Bislang stieß diese Forderung jedoch auf taube Ohren…

RW: ...Ich bin mir bewusst, dass es die absolute Steuergerechtigkeit nicht gibt und dennoch setzt sich die CGFP hartnäckig für eine faire Aufteilung der Steuerlast ein. Menschen, die riesige Vermögen verwalten, greifen gerne auf die FIS zurück. Diese Fonds eignen sich gut, um massiv Steuern zu sparen, da sie nahezu von allen herkömmlichen Steuerarten befreit sind. Der Durchschnittsbürger wird jedoch zur Kasse gebeten. Beim Verkauf einer Immobilie wird die Wertsteigerung hoch besteuert. Die FIS-Besitzer bleiben unterdessen verschont. Unter Steuergerechtigkeit versteht die CGFP etwas Anderes.


fp: Ergibt die Solidaritätssteuer in Zeiten voller Staatskassen heute noch einen Sinn?

RW: Die Solidaritätssteuer wird vorwiegend von den natürlichen Personen getragen. Die Verteilung dieser Steuerlast ist insofern ungerecht, da die Bürger einen deutlich höheren Solidaritätssteuersatz zahlen als die Unternehmen. Bei der jetzigen Hochkonjunktur muss man sich Gedanken machen, ob diese Abgabe noch in diesem Maß gebraucht wird.

SH: Gleiches gilt auch für die Beiträge der Pflegeversicherung. Die Betriebe stehen hier außen vor. Ihr Solidaritätsbeitrag lässt zu wünschen übrig.

fp: Die äußerst angespannte  Lage am Wohnungsmarkt ist besorgniserregend. Haben Sie ein Rezept, um gegen den rasanten Preisanstieg
anzugehen?

RW: Für immer mehr Bürger rückt der Traum der eigenen vier Wände in weite Ferne. Die Preisexplosion macht insbesondere jungen Menschen zu schaffen. Ein Großteil von ihnen ist auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen. Die Anderen bleiben auf der Strecke oder sie müssen sich über einen Zeitraum von 40 Jahren verschulden. Erschwerend hinzu kommt, dass Bauspekulanten seit Langem die Immobilienpreise in die Höhe treiben. Ein Wundermittel, um dagegen vorzugehen, gibt es nicht. Ein erster Ansatz könnte jedoch die Einführung einer jährlichen „Spekulantesteier“ sein, die mindestens 5% vom Marktwert des Grundstücks entsprechen würde. Eine derartige Maßnahme wäre nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

fp: Diese Idee der CGFP wurde bislang nicht von der Politik aufgegriffen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

RW: Ja, das stimmt! Zur Einführung einer „Spekulantesteier“ gehört politischer Mut. Es darf bezweifelt werden, ob die Politik den Mumm dazu hat. Einfach nichts tun, kann jedoch nicht die Lösung sein.

SH: Um Herr der Lage zu werden, gibt es mehrere Lösungsansätze. Einer davon besteht darin, dass die öffentliche Hand versucht, das Wohnungs und Baulandangebot substanziell zu erhöhen. Nach wie vor liegen auf staatlicher und kommunaler Ebene viele Grundstücke brach.

fp: Beim Bau von Erstwohnungen tritt die CGFP für eine Entlastung der jungen Familien ein. Worauf wollen Sie hinaus?

RW: Der superreduzierte Mehrwertsteuersatz von 3% bedarf einer dringenden Reform. Die höchstzulässige Grenze zur Anwendung des äußerst günstigen 3%igen Satzes von derzeit 50.000 € muss schnellstens nach oben angepasst werden. Seit die Mehrwertsteuer von 15 auf 17% erhöht wurde, ist der Unterschied zum superreduzierten TVA-Satz noch größer geworden. Folglich wird der Höchstbetrag von 50.000 €, der bei der Anwendung des superreduzierten Steuersatzes entscheidend ist, schneller erreicht. Deshalb verlangen wir, dass der maximale Betrag für die TVA-Rückerstattung auf 100.000 € verdoppelt wird.

SH: Um die Haushalte zusätzlich zu entlasten, sehen wir Nachholbedarf bei den Bausparverträgen. Gegen die Verdopplung der abzugsfähigen Beiträge ist nichts einzuwenden. Warum dieser Steuervorteil nur bis zum 40. Lebensjahre gilt, ist für uns unbegreiflich. Wir rufen die Regierung dazu auf, die Altersgrenze auf 65 Jahre zu erhöhen. Somit käme man den jungen Menschen entgegen, die heute wesentlich später in die Berufswelt einsteigen als früher und Verträge mit Laufzeiten, die sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen, abschließen müssen.

fp: Kann das gängige Sozialschutzsystem im Zeitalter der Digitalisierung langfristig abgesichert werden?

RW: Die Digitalisierung greift allerorts um sich. Die Arbeitnehmer werden schleichend durch Maschinen ersetzt. In Anbetracht dieser Tatsache müsste eine Robotersteuer eingeführt werden, bevor das Sozialschutzsystem zusammenbricht. Ohne politisches Handeln wird das gesamte System langfristig in Gefahr sein.

SH: Luxemburg darf den Zug der Digitalisierung nicht verpassen. Die Künstliche Intelligenz vernichtet alte Arbeitsplätze und schafft zugleich neue. Der Übergang muss jedoch sanft geschehen, damit niemand auf der Strecke bleibt. Die Gewerkschaften müssen ihren Beitrag dazu leisten. Auch der Staat darf sich nicht seiner sozialen Verantwortung entziehen.

fp: Ende 2020 läuft das aktuelle Gehälterabkommen ab. Wird die CGFP bei den nächsten Verhandlungen erneut auf eine Erhöhung des Punktwerts verzichten?

SH: Als das jetzige Gehälterabkommen ausgehandelt wurde, haben die Staatsbediensteten einen sehr großen Solidaritätsbeitrag für die jungen Menschen geleistet. Statt auf einer Punktwerterhöhung zu beharren, hatte die Abschaffung der 80/80/90-Regelung oberste Priorität. Dieses enorme Zugeständnis war einmalig und wird sich also nicht jedes Mal wiederholen.

RW: Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich behaupte, dass wir bei den Verhandlungen über das kommende Gehälterabkommen eine Erhöhung des Punktwertes fordern werden, zumal die vorigen Anpassungen immer extrem bescheiden waren. Bei all diesen Überlegungen muss man sich stets bewusst sein, dass die Erhöhung des Punktwerts einen Einfluss auf die Entwicklung der Löhne und Gehälter und somit auch auf die Anpassung von Renten und Pensionen hat.

fp: Im Zuge der Dienstrechtsreform von 2015 wurde beim Staat das Bewertungssystem eingeführt. Inzwischen wurde nachgebessert. Haben sich die Wogen jetzt geglättet?

SH: Nein! Das Bewertungssystem stammt aus dem angelsächsischen Raum und fand seinen Ursprung in der Privatwirtschaft. Das Management in den Unternehmen ist nach einer maximalen Profitoptimierung ausgerichtet. Für einen modernen Dienstleister wie den öffentlichen Dienst eignet sich ein derartiges Konzept jedoch nicht. Auch die abgespeckte Fassung des Bewertungssystems birgt noch immer das Risiko von Willkür und Diskriminierung. Wir sind der Ansicht, dass derartige Praktiken absolut keinen Platz im öffentlichen Dienst haben sollten. Ohnehin steht der Aufwand bei mehr als 47.000 Beschäftigten in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Die Abschaffung des Bewertungssystems bleibt eine klare Forderung der CGFP.
fp: Worauf werden Sie bei der Vorständekonferenz im Dezember den Schwerpunkt setzen?

RW: Die „Conférence des Comités“ wird dieses Jahr einen feierlichen Charakter haben. 1909 entstand die erste gewerkschaftliche Bewegung im öffentlichen Dienst. Damals wurde die „Association Générale des Fonctionnaires“ (AGF) gegründet. Wir werden dieses Jubiläum gebührend feiern. Der „Allgemeine Verein der Staatsbeamten“ führte die damals bestehenden Verbände und „caisses de mutu-alités“ mit dem Ziel zusammen, ihre gemeinsamen Interessen zu wahren. Die Beamten verfügten zwar über eine Beschäftigungsgarantie. Ihre soziale Lage war dagegen eher schlecht.

SH: In der 110-jährigen Geschichte der Gewerkschaftsbewegung im öffentlichen Dienst gab es viele Höhen, aber auch einige Rückschläge. Über all die Jahre gelang es jedoch stets, den Fortbestand der Bewegung zu sichern.

1967 unterzeichneten vier große Verbände das Gründungsprotokoll der CGFP. Im Laufe der Zeit schlossen sich nahezu alle sektoriellen Berufsverbände dieser neuen Struktur an. Inzwischen vereinigt die CGFP mehr als 60 Fachverbände.

RW: Der Erfolg der CGFP in all den Jahren ist unbestreitbar. Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung schaffte es die CGFP, deutliche Verbesserungen im Interesse der Staatsbediensteten durchzusetzen. Dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres Verhandlungsgeschicks ist es der CGFP bis heute gelungen, den öffentlichen Dienst an der Einkommensentwicklung teilhaben zu lassen und somit die Attraktivität des Staatsdienstes zu gewährleisten.

Die Fragen stellte Max Lemmer

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